Cathy Berberian war eine erstaunlich vielseitige Sängerin mit einem schauspielerischen und komödiantischen Talent. Sie sang zeitgenössische Stücke von Luigi Nono, John Cage und Luciano Berio, sie sang unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt, dem Pionier der historischen Aufführungspraxis, die Monteverdi-Opern „Die Krönung der Poppea“ und „L’Orfeo“ für die Schallplatte ein. Als wir uns nach dem Erfolg ihres Programms „Second Hand Songs“ am 17. und 19. Oktober 1980 entschlossen, das Live-Konzert aus dem Frankfurter Theater am Turm auf Schallplatte zu pressen, wog Cathy Berberian das „große Risiko“ erst einmal ab. Aber: „Diese Aufnahme hingegen ist mit meiner vollsten Zustimmung entstanden.“

Wir ahnten nicht, dass es die „letzte Aufnahme“ werden sollte. Die Schallplatte dokumentiert keinen traditionellen Liederabend, sondern vielmehr einen musikalischen Abend, an dem Theater und Humor nicht zu kurz kommen. Teils ist dieser Humor verbal, teils musikalisch und teils physisch – durch Gesten und Grimassen.

Über diese Schallplatte – und eigentlich auch über „Second Hand Songs“ – gibt Cathy Berberian einige Erklärungen ab: „Um die Frustration des Hörers, der die Zuschauerreaktionen nicht versteht, zu vermeiden, möchte ich kurz erklären, was an diesem Abend geschieht:

Bei der Mondschein-Sonate (Beethoven) gibt es einen kleinen Kampf zwischen der Primadonna und ihrem Begleiter. Sie ist überzeugt, dass das Publikum nur ihren Gesang hören will und dass deshalb das Klavier-Vorspiel, Zwischenspiel und Nachspiel möglichst schnell heruntergespielt werden sollten. Der Begleiter hingegen ist wild entschlossen, durch sein Spiel die Wunder der pianistischen Romantik zu entdecken. Es kommt zum offenen Kampf um die Vorherrschaft – über seine Tempi. Natürlich geht die erste Runde an ihn.

Nach der Hälfte des Chopin-Viardot Liedes (Coquette) gibt es ein Zwischenspiel auf dem Klavier, währenddessen die Primadonna hingerissen wird von ihrer eigenen Kunst, so dass sie ihren Einsatz verpasst, auf den sie der Pianist genüsslich-zynisch aufmerksam macht.

In der Pop-Version des Ravel-Liedes (Pavane: The Lamp is Low) reagiert das Publikum auf eine liebevolle Parodie der großen Sarah Vaughn. Bei Debussy (Rêverie: My Reverie) sorgt die etwas verfängliche Handhabung des Mikrophons für Gelächter.

Der Gesichtsausdruck bei „Yesterday" ist absolut stoisch. Die Lacher bei den hohen Noten werden dadurch verursacht, dass die Sängerin beim ersten Mal ihre Augenbrauen hochzieht und sich bei der Wiederholung auf die Zehenspitzen stellt. Die Lacher im letzten Teil des Liedes rühren daher, dass die Sängerin, die bis dahin absolut unbeweglich dagestanden hat, ihre Ellbogen anwinkelt und die klassische Pose eines Lieder-Interpreten einnimmt.

Beim „Ticket to Ride" muß man sich eine ziemlich scheue Dame aus der Provinz vorstellen, die alles Mögliche macht, von dem sie glaubt, dass es das Richtige sei, dabei aber natürlich jedes Mal über das Ziel hinausschießt.

Nach der Ankündigung der Mendelssohn-Zugabe (Lieder ohne Worte: Frühlingslied) entsteht eine kurze Pause. In dieser Pause drehe ich dem Publikum dem Rücken zu, um mir eine Brille aufzusetzen, die zu der Laiensängerin passt. Diese Brille verursacht einen Ausbruch an Gelächter, da sie übergroße Gläser und ein knallbuntes, strassübersätes Gestell hat. In dem Instrumentalteil zwischen den Strophen strahlt diese Dame aus Freude über ihre Darbietung und winkt Freundinnen im Publikum zu, weshalb sie nicht nur ihren Einsatz verpasst, sondern auch noch die Tonlage, in der sie die erste Strophe zu singen versuchte.

Als Künstlerin von einigem Ruf lebt man ziemlich gefährlich. Ähnlich dem Seiltänzer, der bei jeder Vorstellung sein Leben riskiert, riskiert der Künstler bei jedem Konzert seine Karriere. Doch darin liegt der Reiz eines Live-Konzerts. Abgesehen von der Faszination des direkten Kontakts mit dem Künstler beinhaltet es natürlich auch das Element des Unvorhergesehenen. Das reicht von Augenblicken absoluter Magie bis zu Gedächtnislücken, von feinster Phrasierung bis zum verpatzten Ton. Allerdings hat ein Live-Konzert ein kurzes Leben, und ein Fehler ist daher schnell vergessen.“

 

Cathy Berberian: Ticket to ride - The Beatles

https://www.youtube.com/watch?v=WLqVioiDldc

Cathy Berberian ‎– Cathy Berberian's Second Hand Songs

Theater Am Turm Edition ‎– PHL 8104

Mitschnitt eines Konzerts im Theater am Turm am 17. und 19. Oktober 1980.

 

Mitwirkende

Design [Cover Design] – Lothar Krauss

Piano – Harold Lester

Recorded By – Tonstudio Panne

Vocals, Liner Notes – Cathy Berberian

 

Trackliste

A1 V. Symphonie: Durch Dich So Selig

Adapted By – Franz Silcher*Composed By – Ludwig van Beethoven

A2 Mondschein-Sonate

Adapted By – F. K. Griepenkerl*Composed By – Ludwig van Beethoven

A3 E Pur Amabile

Composed By – Niccolò Paganini

A4 Sole E Amore

Composed By – Giacomo Puccini

A5 Coquette

Adapted By – Pauline ViardotComposed By – Frédéric Chopin

B1 Caprice Viennois: The Whole World Knows It Now

Adapted By – Geraldine FarrarComposed By – Fritz Kreisler

B2 Pavane: The Lamp Is Low

Adapted By – Birt Shefter*, Peter Rose*Composed By – Maurice RavelText By – Mitchell Parish

B3 Rêverie: My Reverie

Adapted By – Larry ClintonComposed By – Claude Debussy

B4 Yesterday

Adapted By – Louis AndriessenWritten-By – Lennon-McCartney

B5 Ticket To Ride

Adapted By – Louis AndriessenWritten-By – Lennon-McCartney

B6 Danse Macabre

Composed By – Camille Saint-SaënsText By – Henri Casalis*

B7 Lieder Ohne Worte: Frühlingslied

Composed By – Felix Mendelssohn-Bartholdy

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