Eugène Ionesco und Peter Hahn, 1986. Foto Andreas Pohlmann

 

 

Als ich 1986 für Saarbrücken das Programm des Festivals „Perspectives“ konzipieren konnte, stand ich vor einem Dilemma. Die alternative französische Szene war wie in Deutschland in die Jahre gekommen. Nach dem x-ten langweiligen Pariser Theaterabend kam nur ein Besuch im „La Coupole“ am Boulevard du Montparnasse in Betracht. Die Brasserie wie immer, voll, laut, ruppig und das „Filet de canard rôti Père Léon et légumes à racines“ ging auch daneben. Aber: Am Nebentisch Eugène Ionesco.

Fasziniert starrte ich ihn an. Wir wechselten kein Wort, aber der große Mann des absurden Theaters brachte mich auf eine Idee. Am nächsten Abend ins kleine Théâtre de la Huchette, wo es seit Jahrzehnten „La Cantatrice chauve (Die kahle Sängerin) gibt, dann ins Théâtre du Rond-Point, wo Jean-Louis Barrault seit 1963 Willie und Madeleine Renaud Winnie in Samuel Becketts „Oh! les beaux jours“ (Glückliche Tage) spielen, und schließlich auch in das Petit Odéon des Théâtre de l'Europe, wo Denise Gence soeben in einem Stück von Edvard Radzinsky mit „Comédienne d'un certain âge pour jouer la femme de Dostoievski“ (Schauspielerin in einem gewissen Alter die Frau von Dostojewski) brillierte.

Das Programm für „Perspectives“ bekam Struktur: Junges Theater, im Sinn von schöpferisch, von bewegend und anregend und aufregend. Die großen „alten“ des französischen Theaters kamen nach Saarbrücken. Im Vorfeld wurde auf allen Kanälen des Saarländischen Rundfunks protestiert. Der Saarbrücker Zeitung ging im Zorn sogar die Druckerschwärze aus. Wie erstaunt waren diese Kulturapostel dann über den ungeteilten Jubel. Die Saarländer hatten Genuss an der Sprache, an der Gestik, an der Mimik, an den Texten, an den vielen kleinen Details, die Theater so liebenswert und aufregend machen.

Und Eugène Ionesco: Er hatte sich längst auf seine Position als unbestritten anerkannter Autor zurückgezogen. Während der späteren Gespräche in seiner Wohnung direkt neben dem „Coupole“ machte er unmissverständlich deutlich, dass ihn „Die kahle Sängerin“ vom Théâtre de la Huchette heute nicht mehr so sehr interessiert. Er hatte sich längst der Malerei zugewandt. Diese Bilder wollte er unbedingt dabei haben. Neuer Schauplatz: Direktor Georg W. Költzsch vom Saarlandmuseum Saarbrücken fand Gefallen an seinen absurd-witzigen Gouachen und Lithographien und ermöglichte vom 17. Mai bis 15. Juni 1986 eine Ausstellung. Zur Vernissage saß er dann glücklich auf einem Podest in einem Sessel und sinnierte über sein künstlerisches Tun: Er geht den Zweifeln und Hoffnungen nach, die ihn beim Lane bewegen. Dabei kommt er zum Schluss, dass ihn als Maler dieselben existentiellen Fragen und Nöte bedrängen, denen er als Schriftsteller ausgesetzt war.

 

 

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