In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor wenigen Tagen zu lesen, dass eine Pelztasse sie weltberühmt machte. Das war für Meret Oppenheim kein Glück. Das Pelzfrühstück wurde zwar ihr Markenzeichen, aber nur wenige interessierten sich dafür, wem die Künstlerin sonst noch das Fell über die Ohren zog. Wenige fragten nach ihren Bildern, ihren Collagen, nach dem Zauberkasten mit ihren zauberbunten Ideen. Meret Oppenheim ging ins Versteck. Von Paris zog sie nach Bern, von Bern fährt sie immer wieder nach Paris. Hier und da sucht sie nach dem Leben hinter den Dingen. ‚Dann leben wir eben später’, hat sie einmal, wohl zu sich selbst, tröstend gesagt. Es hat lange gedauert, bis die Welt sich wieder um Meret Oppenheim kümmerte. Für ihr Leben gern schreibt sie seit den dreißiger Jahren Gedichte. Auch eines über die Pelztasse, aber das tat sie wohl eher aus Spott. Ihre tausendgesichtige Poesie hält jeden in Atem, sie spricht aus ihr und aus jeder Silbe ihrer Kunst. So leben wir heute Abend ausnahmsweise einmal nicht später, sondern erleben Meret Oppenheim jetzt. Sie liest aus dem vor wenigen Tagen im Suhrkamp-Verlag erschienenen Buch ‚Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich’. Dass Meret Oppenheim heute Abend hier ist, ist, um mit ihr zu sprechen, die Erfüllung einer ‚langatmigen Hoffnung’.

Peter Hahn am 6. Oktober 1984 im Theater am Turm Frankfurt

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