Franz Schreker & Familie. Sammlung Jorge Zulueta, Paris

„... bin eigenartig!“

Der Komponist Franz Schreker

Der Tagesspiegel, 12. August 2000

Von Peter Hahn

 

Einen Staatsakt mit Bundeskanzler und Philharmonikern war es der Republik Österreich wert, den Nachlass von Arnold Schönberg zu empfangen. Er, der vor dem eingesessenen Wiener Musikverständnis nach Berlin und dann vor den Nazis nach Amerika geflohen war, kehrte 47 Jahre nach seinem Tod mit 9000 Notenblättern, 6000 Seiten Textmanuskripten, 3500 Fotografien, 160 Dokumenten, Bibliothek und Klavier an die schöne blaue Donau zurück.

Um die 100-Millionen-Fracht feilschten New York, Harvard, Arizona, Den Haag, Wien - und Berlin. Weil Berlin zauderte, wählten die Erben für das "Schönberg Center" das Palais Fanto am Wiener Schwarzenbergplatz. Dieser Vorgang könnte bald einen neuen Namen bekommen: Franz Schreker. Als Sohn des jüdischen, später zum evangelischen Glauben konvertierten Ignaz Schrecker und der katholischen Mutter Eleonore wurde er 1878 geboren. Mit 10 kam er nach Wien, mit 34 präsentierte er seine erste Oper, mit 35 dirigierte er die Uraufführung von Schönbergs "Gurreliedern".

1920 wurde Franz Schreker als Direktor an die Berliner Hochschule für Musik gerufen. Wien verlor den Schüler von Robert Fuchs und Lehrer von Ernst Krenek, vor allem aber einen Komponisten, dessen Opern ihrer Sangbarkeit wegen an fast allen deutschen Bühnen gegeben wurden. Schreker holte Arnold Schönberg, Carl Flesch, Arthur Schnabel, Siegfried Ochs, Paul Hindemith als Dozenten. Ferruccio Busoni übernahm eine Meisterklasse für Komposition. Für Hans Heinz Stuckenschmidt war Berlin "wieder ein Zentrum der Weltmusik geworden".

Heute kann weder vom einen noch vom anderen die Rede sein. Wie aber steht es heute um das "bedeutendste interdisziplinäre Archiv zur Kunst des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum"? Daraus wurde eine öffentlich-rechtliche Angelegenheit der Länder Berlin und Brandenburg, gefördert vom Bundesinnenministerium. Die Arbeitsschwerpunkte waren und sind bestimmt: Die Akademie und ihre Mitglieder, die Kunst der zwanziger und frühen dreißiger Jahre, die Werke der Exilanten, der Jüdische Kulturbund.

Busoni gehört dahin, auch Hindemith, Krenek, Toch, Weill, Zemlinsky, um nur einige zu nennen. Und Franz Schreker? Obwohl in Berlin bekannt ist, dass sein Nachlass eine Heimat sucht, lassen weder Senat noch Akademie erkennen, sich ernsthaft um die Hinterlassenschaft zu bemühen. Gleiches gilt für die Hochschule für Musik, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Stadtmuseum Berlin und Jüdisches Museum, deren Interesse an Werk und Leben doch nahe liegen müsste. Berlin, so scheint es, hat sich mit einer Ehrengrabstätte auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof genug aufgebürdet ...

 

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