Chiwa. Foto Peter Hahn, 1995

 

Chiwa. Die Märchenstadt zwischen den zwei Wüsten

Frankfurter Allgemeine, 28. Dezember 1995

 

Warum nur haben die Dichter des Orients ihre Leier nicht hier erklingen lassen? Sie besangen Samarkand als die "Perle des Orients" und priesen Buchara als das "zweite orientalische Wunder", in denen man heute freilich die alte Zeit mühsam zusammensuchen muß. Chiwa aber ist die vollkommene Märchenstadt.

Weil es in dieser wüsten Gegend immer ein Hin und Her gab und Chiwa sich mit den Kara-Kalpaken, Kasachen und Turkmenen ohnehin im ständigen Kampf befand, haben die Menschen vor Jahrhunderten in nur sechs Tagen einen hohen und sechs Kilometer langen Mauergürtel mit Doppeltoren und Schutzwällen um diesen Ort gezogen. Dahinter hat sich wie im provenzalischen Avignon oder im toskanischen Lucca alles erhalten: Medresen, Moscheen, Minarette, Mausoleen.

Chiwa ist eine alte Oase. Als Alexander der Große um 334 vor Christus in Zentralasien einfiel, mag der Ort noch an dem im Abendland unter dem griechischen Namen Oxus bekannten Strom Amu-Darja gelegen haben. Doch schon Peter der Große mußte 1715 das alte Flussbett suchen lassen, als er einen bequemeren Weg nach Indien wünschte. Er wollte die Flussmündung in den Aral-See abschneiden und das Wasser wie einst in das Kaspische Meer fließen lassen. Chiwa kämpfte dagegen, und das zaristische Heer wurde vernichtend geschlagen. Knapp dreihundert Jahre später hätte sich das erübrigt, weil die kläglichen Wasserreste des Amu-Darja inzwischen irgendwo im Sand der Wüste Kyzyl-Kum versickern und den See überhaupt nicht mehr erreichen. Das aber ist eine andere Geschichte ...

Der komplette Artikel:

ePaper
Teilen:
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Hahn Homepage Powered by 1&1