Paraty, Fazenda Boa Vista. Foto Peter Hahn, 2007

 

Dodó oder Frau Senatorin Julia Mann

Frankfurter Allgemeine, 12. Dezember 2002

 

Im Urwald war es, „nahe dem Atlantischen Ozean, südlich des Äquators, wo Dodó das Licht der Welt erblickte. Unter Affen und Papageien“, wie ihr der Vater später erzählte. „Ach, was gab es dort nicht an schönen und guten Dingen! Außer Kokos und Bananen noch die Pinhão, die Mani, die Ananas, die großen dunkelroten saftigen Limona. Wie herrlich, wenn sie auf dem Bache in einer Art Waschzuber Kahn fuhr, wie so schön und ernst die schwarzgrau gefiederten und krummgeschnäbelten Urubu auf den Büschen am Bachesrand saßen und hoheitsvoll auf Dodó schauten.“

Der Bach könnte Río Perequê-Açú heißen, und, wenn nicht, was bedeutet es zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, wo Hunderte von Rinnsalen, Bächen und Flüssen auch namenlos in den Atlantik münden. An den „fürchterlichen Tropenregen“, erinnert sich Dodó, „der wohl sehr plötzlich heruntergekommen sein wird“. Sie träumt von den Plantagen, wo „man ihr ein Stück des frisch geschnittenen Zuckerrohres zum Aussaugen des Saftes gab“, sie denkt an den Karneval, „die vielen bunten Masken, die verschiedenen Musikinstrumente, deren sich die Masken bedienten, das wilde Treiben draußen“.

Draußen, auch das weiß Dodó noch, das war „in Parati und in Boa Vista und in Angra dos Reis“, wo sie als Tochter eines deutschen Plantagenbesitzers unter der Obhut der schwarzen Sklavin Ana aufwächst. Aus diesem „tropischen, sinnlichen, katholischen Brasilien“ wird die Siebenjährige im Jahre 1858 nun unter ihrem eigentlichen Vornamen Julia zur Großmutter „in das kalte, nüchterne, protestantische Lübeck verpflanzt“. Jahre später wird aus Dodó Frau „Senatorin“ Julia Mann geborene da Silva Bruhns, die Mutter von Heinrich und Thomas Mann ...

 

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