Spielzeugmuseum Sonneberg

 

Das Erbe der früheren Welthauptstadt des Spielzeugs

Eine deutsch-deutsche Geschichte:

Sonneberg im Grenzland zwischen Thüringen und Franken

Frankfurter Allgemeine, 5. März 1998

 

Nach langen Jahren erfüllte sich Dorothea Merz endlich ihren Traum und stieg gemeinsam mit ihren beiden Söhnen auf den Chimborazo. Rechtzeitig hatte sie ihren Freunden in Grünitz jenseits der Grenze geschrieben, daß sie abends um neun oben auf dem Gipfel ein Feuer machen wolle, um die Zurückgebliebenen zu grüßen. Drüben standen diese dann mit dem Fernglas am Fenster und malten sich aus, was die im Osten enteignete Fabrikantenfamilie im Westen vermeintlich erreicht hatte.

Auf den Landkarten findet man den Chimborazo anderswo als im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzland, und nach der Ortschaft Grünitz sucht man vergebens. Man müßte schon ein genauer Kenner der Gegend sein, um hinter dem Chimborazo den fünfhundertfünfzehn Meter hohen Muppberg und hinter Grünitz die Kreisstadt Sonneberg auszumachen.

Der Sonneberger Tankred Dorst hat dem nordöstlichen Teil des alten Frankenreiches in seinen Werken "Auf dem Chimborazo", "Die Villa" oder "Dorothea Merz" ein literarisches Denkmal gesetzt. Was er in den siebziger Jahren an realistischen Bildern aus der damaligen deutschen Gegenwart fixierte, ist inzwischen Geschichte. Die ist allerdings mit einer bezwingenden Kenntnis der Menschen und ihres Denkens erzählt. Seine Stücke charakterisieren das Land und seine Bewohner treffend und pointiert, bis hin zu ihrem eigenwilligen Sprachgemisch aus wenig Thüringisch und viel Fränkisch.

Viele Besucher kamen früher hierher, der "Zonenrand-Tourismus" blühte, Doppelzäune, spanische Reiter, Minenfelder und Wachtürme waren die Attraktionen. Die Landschaft zwischen dem dunkelgrauen Schiefergebirge des Thüringer Waldes und dem weißgrauen Schilfsandstein des Fränkischen Jura wurde freilich weniger gewürdigt. Die Besucher quartierten sich etwa im "Grenzgasthof" ein, wanderten zum Muppberg oder zur "Gebrannten Brücke" an der bayerisch-thüringischen Grenze zwischen Neustadt bei Coburg und dem Sonneberger Ortsteil Hönbach. Manche wollten von dort aus das zurückgelassene Eigentum in Augenschein nehmen, andere nur die so nahen und doch so fernen Schieferdächer, die repräsentativen backsteinroten Stadthäuser aus der Gründerzeit, die filigranen Villen am Schönberghang oder die Manufakturen betrachten, in denen einst

 

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Über Tankred Dorst

 

Der Schriftsteller Tankred Dorst wurde am 19. Dezember 1925 in Oberlind geboren. Sein Großvater Georg Dorst hatte 1860 eine Firma zum Bau von Maschinen für die keramische Industrie gegründet. Um die Jahrhundertwende wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft im Familienbesitz umgewandelt.

Tankred Dorst wurde 1943 als 18jähriger Oberschüler zum Reichsarbeitsdienst und 1944 zur Wehrmacht einberufen. Er wurde an der Westfront eingesetzt. Das Ende des Weltkrieges erlebte er in Gefangenenlagern in England und den USA. Als er Ende 1947 entlassen wurde, gehörte Oberlind zur sowjetischen Besatzungszone. Die Fabrik war enteignet worden und die Familie nach Westdeutschland geflohen. Aus der Dorst’schen Maschinenfabrik Oberlind wurde der VEB Thuringia Sonneberg. 1949 erwarb die Familie Dorst ein Fabrikgelände in Kochel am See. Ab Sommer 1950 wurde wieder produziert. Das Unternehmen „DORST Technologies GmbH & Co. KG“ ist bis heute im Familienbesitz.

Tankred Dorst holte das Abitur nach und studierte ab 1950 in München Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften. Zu seinen „Sonneberger Stücken“ gehören „Auf dem Chimborazo“ (Uraufführung 1975 am Schlossparktheater Berlin), der fragmentarische Roman „Dorothea Merz“ (1976) und „Die Villa“ (Uraufführung 1980 am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Württembergischen Staatstheater Stuttgart). Tankred Dorst lebt seit 2013 mit seiner Frau Ursula Ehler-Dorst in Berlin.

 

Eine Jugend in Sonneberg

 

Sonneberg ist ein Ort am Südhang vom Thüringer Wald. Man kann vom Westen her rüberschauen. Es ist eine Spielzeugstadt, aber meine Familie, mein Vater und Großvater hatten eine Maschinenfabrik, die Maschinen für die Porzellan-Industrie herstellte. Und der Großvater - das ist der Großvater mit den Sitzbadewannen im Chimborazo - auch in dem Stück, das ich gerade für den WDR mache, ist es eine der Hauptrollen - ich habe ihn nicht gekannt, ich habe auch meinen Vater nicht gekannt, er ist sehr früh gestorben, alle sind an Tuberkulose gestorben in der Familie. Der Urgroßvater hat die Fabrik gegründet, und der Großvater war so ein - wütender Demokrat. Er war ein zwei Meter großer Mann mit einem Bart, der barfuß über eine früher sumpfige, heute aus Wiesen und Feldern bestehende Ebene zu diesem Berg, also zu dem „Chimborazo“ ging, der jetzt im Westen ist. Das Dorf, aus dem ich stamme, hieß zu meiner Zeit noch Oberlind, und viele der Einwohner lebten von der Fabrik. Es gab eine Ziegelei und die Maschinenfabrik Dorst, die jetzt Thüringia heißt. Das Haus war eigenartig, das kommt ja auch im „Chimborazo“ vor, er war solch ein Sitzbadewannennarr, ein Naturapostel, es gab einen Gemüsegarten und dahinter einen großen Garten mit Bäumen und einem Gartenhaus mit bunten Fenstern, durch die man durchschauen konnte, so daß die Kornfelder dahinter rot und grün und blau erschienen. Auf einer großen Wiese standen die Sitzbadewannen. Das war auch noch so, als mein Großvater schon tot war. Er hatte da diese Sitzbadewannen mit Wasser darin, damit es von der Sonne gewärmt wurde, und da saß er wohl immer drin. Und er wollte auch, daß die Arbeiter alle Sitzbadewannen hatten. Er war ein Naturapostel und hatte so eine närrische Vorstellung von Demokratie. Eine wütende, eher unangenehme, glaube ich. Das Haus, in dem er lebte, war außerordentlich ungemütlich. Es gab keine Vorhänge, weil er sagte: „Jeder muß sehen können, wie ich lebe“, und es gab keine Teppiche, weil er sagte: „Der Teppich trennt mich vom Arbeiter“. Und es gab auch kein Porzellan, obwohl wir die Maschinen machten, mit denen Porzellan hergestellt wurde, es gab nur Blechnäpfe, weil er für das Praktische war, denn Porzellan ging kaputt, es war unpraktisch, und schon gar keine Untertassen, so daß das Haus solch eine protestantische Ungemütlichkeit hatte, an die ich mich aus meiner Kindheit auch noch entsinnen kann. Und der Sohn, also mein Vater, war ein - ich weiß das nur aus Erzählungen, Bildern -gehemmter, eher zurückhaltender Mensch, der die Fabrik dann übernahm, eine Zeitlang, der dann früh krank wurde und das aber nicht zeigen wollte. Er ist wohl zehn Jahre lang krank gewesen und dann gestorben. Er ließ sich immer nach Coburg, das ist jetzt im Westen, von Sonneberg mit einem Chauffeur hinfahren, weil er im Wald Spazierengehen mußte, und das wollte er nicht da tun, wo ihn Leute sahen. Meine Mutter stammt aus Wuppertal, mein Vater und sie lernten sich auf der Wartburg auf eine romantische Weise kennen. Meine Mutter war wohl so ein naives Protestkind der damaligen Zeit, mit weißen Reformkleidern und auf eine bürgerliche Weise für das einfache Leben. Und sie dachte: mit diesem wunderbaren Mann auf dem Land zu leben, das muß herrlich sein! Sie kam dahin und war von dem Großvater und vor allem er von ihr fasziniert, ein Großstadtkind, Wuppertal ist zwar keine Großstadt, aber für Sonneberg war es natürlich eine Großstadt. Sie kam aus der großen Welt und ging mit diesem Großvater barfuß über die Wiesen zu diesem Berg, und er sang und machte immer Verbesserungsvorschläge, für die Bauern, törichte, und sie fand das so schön, das einfache Leben. Der Mann hat sich ihr aber mehr und mehr entzogen, durch Krankheit entzogen, und er wurde unnahbar, und sie blieb mit ihrem einsamen Leben da hängen dreißig oder vierzig Jahre lang. Aber das wurde nie eingestanden, sie durfte es nie eingestehen, weil sie diesen Entschluß gefaßt hatte, auf’s Land zu ziehen. Sie stammte aus einer Fabrikantenfamilie aus Wuppertal. Dieser Großvater hatte eine kleine Seifenfabrik, die damals sehr viel Geld eingebracht hat. Der Vater war als Lehrling in den Gründerjahren nach Wuppertal gekommen und hatte es dann zu der Fabrik gebracht, ein kleiner Betrieb mit wenigen Leuten, aber in solchen chemischen Fabriken wurde damals offenbar viel Geld verdient. Dieser Großvater, ich habe ihn noch sehr gut gekannt, war sehr unangenehm. Ein böser alter Mann, deutschnational und streng, die Familie hat Angst vor ihm gehabt. Wenn man beim Frühstück saß und er kam herein, drehte man das Brot um, damit er nicht sah, daß auch Butter auf dem Brot war. Meine Großmutter aus Wuppertal, die ich noch als eine freundliche, alte, am Schluß geistesverwirrte alte Frau kannte, war von ihm geschluckt. Wie sie einmal schwerkrank war, und man dachte, sie stirbt, da hat meine Mutter, wie sie im Bett lag, das Portemonnaie von ihr genommen. Sie hat es aufgemacht, und es war darin ein Zettel, auf dem stand: „Lakaienseele“. Das war ein Zettel, den hatte ihr der Großvater vor fünfzig oder vierzig Jahren beim Frühstück aufgeschrieben und auf den Tisch gelegt und ist weggegangen. Diesen Zettel hat sie die ganze Zeit mit sich geführt. Wenn der Großvater ins Zimmer kam, dann sprach man nicht mehr. Er prozessierte dann auch mit seinem Sohn, und alle waren wütend gegeneinander. Aus diesen bürgerlichen, deutsch-nationalen Verhältnissen kam sie dann in das für sie damals sehr romantische Sonneberg. Sie heiratete meinen Vater, der schon viel weiter war, irgendwie weitsinniger oder wie man sagen soll. Er war weitläufiger und hatte Vorlieben für Autoren wie Walt Whitman, Emerson, Goethe, Schopenhauer und Thoreau. Es war der bürgerliche Idealismus, der vorherrschte. So bin ich auch eigentlich in diesem Sinne aufgewachsen, erzogen worden . . . Fotos von meiner Mutter sind immer stilisiert auf einfaches Leben, mit einem weißen Kleid im Garten mit einem Buch, das sie hält, in dem sie gar nicht liest, aber sie hatte die Vorstellung, daß der gebildete Mensch aus Büchern Weisheit empfängt. Es gab immer Krankheiten zuhause. Mein Vater war sehr lange krank, und dann wurde mein Bruder krank, Knochentuberkulose, und war lange Jahre in einem Heim, kam dann zurück und hatte immer einen Hauslehrer, bis fast zum Abitur, der auch im Haus wohnte. Er mußte immer im Gipsbett liegen und konnte zwei Stunden am Tag in einem Korsett laufen, das hat ihn natürlich sehr bestimmt. Nach dem Tode meines Vaters hat ein Onkel die Fabrik übernommen, der vor ein paar Jahren gestorben ist, der war eigentlich ein kleinherziger und geiziger Mann. Meine Mutter mußte aus dem Haus heraus und hat sich von dem Geld, das sie von ihrem Vater aus Wuppertal bekam, ein kleines Haus in dem riesigen Garten gebaut, in dem man als Kinder eigentlich nie bis ans Ende kam, und das war das Haus, in dem ich dann großgeworden bin.

 

Aus dem Programmheft „Auf dem Chimborazo“. Uraufführung am 23. Januar 1975 im Schloßpark-Theater Berlin. Aufzeichnung aus einem Gespräch mit Tankred Dorst von Gerhard Mensching.

 

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