Blick auf Dresden. Foto Peter Hahn, 2005

 

Dresden, betrachtet vom Dresdner Balkon

Frankfurter Zeitung. 16.Januar 1992

 

Hier oben ist der Thron von Dresden. Hier erreicht die Straße von Dresden und Loschwitz die Höhe des Berges. Hier ist „Dresden-Bad Weißer Hirsch". Hier sind der Stechgrund und die Stechgrundstraße. Hier ist man am Anfang am schlimmen Ende und am Ende vielleicht am guten Anfang. Hier steht man in einer untergegangenen Welt. Hier ist alles verkommen und verlassen.

Das „erste Haus am Platz". einst als Gasthaus „Zum Weißen Hirsch" im Jahr 1664 erbaut und 1914 in schönster Jugendstilpracht als „Park-Hotel Weißer Hirsch" wiedereröffnet, hat die Handelsorganisation (HO) in den sozialistischen Jahren ruiniert. Zum 1. September 1991 hat es nun seine Pforten auf unbestimmte Zeit geschlossen. Gegenüber, hinter einer hohen metallischen Palisadenwand, verbergen sich schamhaft die verfallenen Restbestände des berühmten Lahmannschen Sanatoriums aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Was über einhundert Jahre Bestand hatte, wo gehegt und gepflegt wurde, hat die Rote Armee als Lazarett heruntergewirtschaftet. Am Waldrand steht ein mannshoher moosgrün gewordener Gedenkstein. Die eingemeißelten Buchstaben wurden mit einem weißen Federstrich wieder leserlich gemacht: „Verschönerungsverein für Weißer Hirsch und Ober-Loschwitz. 1876." Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung? Kapitulation oder Mahnung?

Was muß in den Köpfen derer vorgegangen sein, der Wissenschaftler und Künstler, der Dichter und Denker, die in den letzten vierzig Jahren auch hier in Sachsen von Partei und Regierung getätschelt wurden? Sie saßen auf dem „Weißen Hirsch" in ihren kupfergedeckten Palästen und überlegten sich, wie sie den nächsten Nationalpreis in konvertierbare Währung umwandeln könnten. Sie bewunderten Canaletto. der meisterlich „poetisches Empfinden mit topographischer Genauigkeit" verband. und lamentierten darüber, dass sie am nächsten Tag schon wieder zum Shopping in Salzburg verdammt waren, derweil der Herr Gatte einen Auftritt bei den Festspielen hat. Manchmal dachten sie auch an den Dresdner Kunsthistoriker Fritz Löffler, der über Jahrzehnte für die Denkmalpflege gewirkt hatte. Und Physiker Manfred (Baron) von Ardenne saß „vor unserem Haus ... vor meinem Institutsgebinde, und blickte hinunter in das Elbtal und weiter auf die berühmte Silhouette der Stadt", dachte auch über Sauerstofftherapien nach und vergaß derweil, daß dem städtebaulichen Kulturdenkmal „Dresden-Bad Weißer Hirsch" planmäßig die Luft ausging ...

 

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