Thomas Bading & Daniel Morgenroth in "Fontane & Fontane". Foto Maria Steinfeldt

 

Die „Märkische Allgemeine Zeitung“ präsentierte zum Fontane-Jahr 1998 Thomas Bading und Daniel Morgenroth in „Fontane & Fontane – Echte und unechte Correspondenzen oder Es kommt darauf an, daß einen das Leben richtig einrangiert“. Das von Peter Hahn geschaffene Dialogstück mit Kompositionen von Christoph Schambach basiert auf Originaltexten von Theodor Fontane.

Nach dem Fall der Mauer erlebten die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ eine unvorhersehbare Konjunktur. Mancher, der das alte neue Land bereisen, mitunter auch erobern wollte, griff nach den Recherchen von damals. Hätte es anderes gegeben, Fontanes geliebte Wanderungen wären auch 130 Jahre nach ihrem Erscheinen „ungerecht und undankbar und gepufft und inferior behandelt“ worden.

So kamen sie mit der Wiedervereinigung zu zweifachen Ehren, das Menschenwissen zu erweitern und das Dichterbild zu prägen: Unterwegs mit Fontane. Zu Tisch bei Fontane. Guter Rat von Fontane. Essen und Trinken mit Fontane. Informationen waren gewünscht, Schönes und Heiteres. Wandernd, plaudernd, reise-novellistisch: Rheinsberg und Paretz, Chorin und Lehnin, Werder und Sacrow, Neuhardenberg und Caputh. Fontane zum Vergnügen. Dichter und Werk in Auszügen.

Er aber war revolutionärer Poet und zwangsweiser Apotheker, umtriebiger Reisender und preußischer Presseattaché, anpassungsfähiger Journalist und eifriger Kriegsberichterstatter, konservativer Wahlkandidat und politisierender Flaneur, misstrauischer Eigenbrötler und pointierter Plauderer, patriotischer Redakteur und zeitweiliger Theaterkritiker, fanatischer Briefeschreiber und freisinniger Romancier. Das alles zwischen 1840 und 1898. Deutschland war noch nicht, dann war es. Bismarck kam, glänzte und stürzte. Aus dem König von Preußen wurde der Deutsche Kaiser.

Die Zeit war kompliziert und es kam „darauf an, daß einen das Leben richtig einrangiert“. Bei allem Verständnis dafür, „dass jede Gesellschaft vom einzelnen ein gewisses Aufgehen in den Ton verlangt, der eben herrscht“, seine Wandlungen vom revolutionären Schreiber über den konservativen Patrioten bis hin zum Autor des „Stechlin“ erstaunen auch dann, wenn für die damalige Zeit der politische Opportunismus als opportun und salonfähig gelten könnte.

Der märkische Dichter war von 1860 bis 1870 Redakteur der „Neuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung“. Keiner der großen Romane war geschrieben. 130 Jahre danach veröffentlichte Heide Streiter-Buscher Theodor Fontanes umfangreiche „Unechte Korrespondenzen“ aus diesen zehn Journalistenjahren. In den vorzüglich edierten Berichten, Feuilletons, Leitartikeln und Glossen überraschen seine patriotischen, konservativen, monarchistischen und antisemitischen Äußerungen.

Wer diese liest, sich dazu die zeitgleich entstandenen „Wanderungen“ vornimmt und die für die Nachwelt schön-gefertigte Autobiographie „Von Zwanzig bis Dreißig“ dagegenhält, kommt über sein bisheriges Fontane-Bild ins Grübeln. Wie sollte es aber anders sein: „Ich verschwöre solche Dinge nie, weil man nie wissen kann, wie sich’s hinterher macht.“ Seine Irrungen und Wirrungen stehen auch für die deutsche Gegenwart vor und nach der Reichsgründung. Nicht nur! Und nicht alles kann mit dem ganz anderen 19. Jahrhundert erklärt werden. Seine extremen Positionen, die sich bis in die späten Briefe an Georg Friedlaender dokumentieren lassen, berühren gerade dann merkwürdig, wenn Rechtsradikalismus, Fremdenhass und Antisemitismus Schlagzeilen machen.

Fontane fragte sich einst, was seine hervorstechendste Eigenschaft sei, und antwortete: Indifferenz. Genau dies ist es, was das Postament zum Wackeln bringt, was letztendlich für die Theaterbühne die Erfindung von zwei „Fontanes“ möglich machte. Der aus dem Original entwickelte Dialog arbeitet sowohl Widersprüche als auch Einvernehmlichkeiten der Biographie heraus. Er setzt sich bewusst über Zeitebenen hinweg. Weil: „Die Theater sind nicht hohe Schulen des Idealen, sondern wahre Brutstätten von Neid, Klatsch, Intrigue.“ Das mag manchen Gralshüter betrüben. Aber die „meinigen Fehler sind nun einmal am verzeihlichsten. Mensch ist Mensch“.

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