Warum sollte nicht dort, wo F. W. Murnau ist, sein Film "Nosferatu" gezeigt werden? Warum sollte nicht am Grab von Hugo Distler der Versuch gewagt werden, seinen "Totentanz" choreographisch neu zu entdecken? Warum sollte bei Weltbühnenbegründer Siegfried Jacobsohn nicht über das Feuilleton diskutiert werden? Warum sollten bei Engelbert Humperdinck nicht die Melodien aus "Hänsel und Gretel" erklingen? Warum sollte nicht am Grab des Schauspielers Joachim Gottschalk daran erinnert werden, daß er, seine jüdische Frau Meta und der achtjährige Sohn Michael von den Nazis in den Freitod getrieben wurden? Warum sollte nicht dort über Natur und Umwelt geredet werden, wo mit Hugo Conwentz der Initiator der Naturschutzbewegung seine Ruhe gefunden hat?

Wer erzählt noch von den Menschen, die in Stahnsdorf zu grabe getragen wurden: ohne Siemens kein elektrischer Aufzug, ohne Langenscheidt kein Fremdwörterbuch, ohne Carl Ludwig Schleich keine Lokalanästhesie, ohne Zille kein "Milljöh", ohne Ralph Arthur Roberts keine "Reeperbahn nachts um halb eins", ohne Lovis Corinth keine Walchenseelandschaften, ohne Ullstein keine BZ, ohne Gustav Kadelburg kein "Weißes Rößl" und ohne Elisabeth Baronin von Ardenne keine "Effi Briest".

Als um 1900 der Platz auf den Berliner Kirchhöfen knapp wurde, mußte die Kirche Friedhöfe "jot we de" schaffen. Sie kaufte südlich des Teltowkanals 206 Hektar, auf dem die 21 evangelischen Gemeinden von Schöneberg bis Moabit ihr Begräbnisland erhielten. Damit die Berliner dorthinaus bequem reisen konnten, baute die Kirche vom S-Bahnhof Wannsee eine "Friedhofsbahn" mit den Stationen Dreilinden und Stahnsdorf-Friedhof. Die erste S-Bahn fuhr am 3. Juni 1913, die letzte am 13. August 1961.

Der Ort lag über Jahrzehnte im Dornröschenschlaf. Als Tourist kam man in den Mauerjahren nicht hin und als toter Berliner durfte man sich auf dem eigenen Gemeindefriedhof nur nach Genehmigung durch den Rat des Bezirkes Potsdam beerdigen lassen. Vor den Toren der Hauptstadt wurde manches bewahrt, was mit der Zeit an den Rand oder gar in Vergessenheit geraten ist.

Robert Musil brachte es bereits auf den Punkt: „Auch Denkmäler sollten sich heute, wie wir es alle tun müssen, etwas mehr anstrengen! Ruhig am Wege stehn und sich Blicke schenken lassen, könnte jeder; wir dürfen heute von einem Monument mehr verlangen.“

Auf dem Südwestkirchhof kann man Geschichte erfahren, wie es in der Stadt kaum mehr möglich ist. Um all das zu retten, braucht der Friedhof Öffentlichkeit – auch deshalb die „Lange Nacht" auf dem Südwestkirchhof. Am Samstag, den 30. August 2003, erinnern zur „Langen Nacht auf dem Südwestkirchhof“ an 33 Spielstätten über 120 Mitwirkende an die an diesem Ort bestatteten Persönlichkeiten.

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