Nobelpreis für Literatur 2009: „Oh, das ist schön für Herta Müller. Das ist eine sehr gute Schriftstellerin. Ich hatte mir was anderes vorgestellt, zum Beispiel der israelische Schriftsteller Amos Oz. Aber die Jury hat so entschieden, und die werden Gründe gehabt haben.“ Begeistert klang Nobelpreiskollege Günter Grass nicht. Auch Marcel Reich-Ranicki äußerte sich enttäuscht: „Ich will nicht über die Herta Müller reden.“ Hier sei viel Politik im Spiel.

Er hatte wohl recht. Nachdem die im rumänischen Banat geborene Germanistin Herta Müller die Bundesrepublik mehrmals besuchen konnte, fand sie Gefallen an Deutschland. 1987 bewilligte Ceaușescu ihre „Ausreise“. Diesen Begriff fand sie unangemessen. Sie reiste nicht aus. Sie ging „ins Exil“. Das klang dramatischer. Im „Exil“ musste sie alsbald registrieren, dass ihre schriftstellerischen Kreationen bei den wohlfeilen Literaturverlagen Suhrkamp, Kiepenheuer, Fischer und (damals) auch bei Hanser nicht gefragt waren. Sie musste sich mit der zweiten Verlagsreihe zufrieden geben, querbeet bei Akzente, Rotbuch, Zeitschrift Manuskripte Graz und Rowohlt. Da ihre Schreiberei wenig Resonanz hervorrief, weil ihre Bücher so sind wie sie sind, ein bisschen poetisch-literarisch und mehr journalistisch-politisch, verlegte sie sich auf Statements, was ihr den Titel „Brandrednerin“ einbrachte.

Höhepunkt war dann 2012 ihre anmaßende Kritik an Günter Grass und seinem politischen Gedicht „Was gesagt werden muss“. Sie forderte von ihm Zurückhaltung, weil „er ja nicht ganz neutral ist. Wenn man mal [im Alter von 17 Jahren für sieben Monate] in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen“. Kaum hatte Frank Schirrmacher in der FAZ das Grass’sche Gedicht als ein aus „Leitartikel und Gedicht zusammengeschraubtes“ Werk charakterisiert, setzte sie sich auf diesen Zug: „Wenn er ehrlicher wäre, hätte er einen Artikel geschrieben. Will er, dass es Literatur ist und damit interpretierbar? Dort steht kein einziger literarischer Satz drin, also ist es ein Artikel.“

Was ist dann Herta Müllers „Atemschaukel“? Auf jeden Fall ein gelungener Schachzug. Das als „Roman“ bezeichnete Buch ist am 17. August 2009 im Carl Hanser Verlag erschienen. Bis zur Verkündung des Literaturnobelpreises am 8. Oktober 2009 blieben dem Nobelkomitee genau 50 Sommertage, um sich mit den Werken der fünf in der engeren Wahl verbliebenen Kandidaten vertraut zu machen. Das wäre an sich schon eine gewaltige Leistung. Kaum vorstellbar ist, dass die seit September 2008 weltweit um Kandidatenvorschläge gebetenen Personen und Institutionen einbezogen werden konnten. Wahrscheinlich hätten dann selbst die Hühner gelacht, wenn sie von einer Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller gehört hätten. Deshalb noch einmal Marcel Reich-Ranicki: Hier sei viel Politik im Spiel.

Im Mittelpunkt von „Atemschaukel“ steht das Schicksal des Lyrikers Oskar Pastior, dem Freund und inoffiziellen Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes „Securitate“ – Deckname „Otto Stein“. Mit ihm hatte Herta Müller „Atemschaukel“ doch mehr als nur „entwickelt“. Ursprünglich wollten beide gemeinsam über seine Deportation in ein sowjetisches Arbeitslager schreiben. 2006 starb Pastior. Nach einer pietätvollen Zeit erinnerte sie sich an die Gespräche mit ihm und schrieb alleine weiter. Vorsichtshalber gestand sie: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt.“ Was also ist von Pastior und was ist von Müller? Die Frage wird unbeantwortet bleiben.

Ihre in Rumänien verbliebenen Kollegen Grigore Cartianu und Cristian Tudor Popescu brachten es auf den Punkt: „Wäre sie in Rumänien geblieben – während und nach Ceausescu – hätte sie es wahrscheinlich nicht über das Niveau einer x-beliebigen Schriftstellerin geschafft.“ Sie spricht „ständig über die Diktatur, nicht über Literatur. Als ob sie Nelson Mandela war. Vielleicht hätte der Friedensnobelpreis besser zu ihr gepasst.“

Mit einem nennenswerten Werk ist die in Berlin-Friedenau lebende Autorin danach nicht mehr in Erscheinung getreten. Gegenwärtig „setzt sie aus Zeitungsausschnitten und Bildern Texte zusammen“, die laut Verlagswerbung „zu einer ebenso verspielten wie künstlerisch konsequenten Collage“ werden. Nun hat sie sich neue Betätigungsfelder gesucht.

Aktion Ehrengrab

Beim Berliner Senat setzte sie ein Ehrengrab für Oskar Pastior alias IM „Otto Stein“ auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße durch, obwohl bekannt war, dass er seine Spitzeltätigkeit nie öffentlich gemacht hatte, selbst nicht gegenüber seiner Freundin Herta Müller. Bis heute sind diese Akten ein Staatsgeheimnis und unter Verschluss. So kommt es, dass Pastior bis heute nicht vollends bewertet werden kann.

Aktion Museum des Exils

Seit geraumer Zeit fordert Herta Müller für Berlin ein „Museum des Exils“. Dagegen ist nichts einzuwenden, weil ein ehrendes Andenken an die nach 1933 aus Deutschland vertriebenen Menschen überfällig ist. Ein Konzept ist bisher nicht bekannt. Wo aber anfangen? Bei Thomas Mann natürlich. Ernst Bloch, Siegfried Kracauer, Egon Erwin Kisch, Ernst Schwitters auch? Was ist mit Ernst Toller, Walter Hasenclever, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Ernst Weiß, die im Exil Selbstmord begingen? Wie wird mit jenen verfahren, die sich in die innere Emigration zurückzogen hatten, Gottfried Benn, Erich Kästner, Ernst Wiechert, Ehm Welk? Wo soll das hinführen? Zu Herta Müller, Oskar Pastior und Ernest Wichner?

Öffentlich machte der „Tagesspiegel“ am 16. März 2017, dass „die Idee für ein Exilmuseum hinter den Kulissen“ allerdings schon „sehr viel weiter gediehen ist. Getragen wird sie von rund 20 Privatpersonen aus Berlin, München und Frankfurt, die sich um die Literaturnobelpreisträgerin geschart haben und in Kürze eine Stiftung gründen. Im Vorstand wird der frühere Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz sitzen“. Engagieren tut sich wohl auch Villa Grisebach-Gründer Bernd Schultz. Zu den Unterstützern soll auch der gut vernetzte Historiker Bernd Faulenbach gehören. Er machte der Kulturstaatsministerin deutlich: „Die Unterstützung eines Exilmuseums ist Aufgabe der öffentlichen Hand.“

Herta Müller ist trotz Styling-Sonnenbrille im Haar nicht mehr die jüngste. Ihr willfähriger Vertrauter Ernest Wichner, auch aus dem Banat stammend und sich wohl auch als Exilant verstehend, wird 2018 als Leiter des Literaturhauses in Rente geschickt. Dieser Posten wird dann endlich durch eine durchsichtigere „Doppelspitze“ ersetzt. Obwohl der Hanser Verlag die Müller-Rechte diversen Verlagen abkaufte und die Bücher nun als „Neuausgaben“ präsentiert, scheint es nicht so recht zu laufen. In Gefahr ist auch der mit 40.000 Euro dotierte „Oskar Pastior-Preis“, dessen Gewinner doch wesentlich von Müller & Wichner ausgesucht werden. Was tun, wenn Rumänien die IM-Akte von Oskar Pastior nun zugänglich macht und die Beurteilung – wie hierzulande seit über 25 Jahren üblich – einer vertrauenswürdigen Behörde überlässt? Kommt der Preis dann in Verruf? Ist das mühsam aufgebaute Renomée dahin? Sind die kommerziellen Aspekte in Gefahr?

Dem möchten Müller & Wichner mit einem „Museum des Exils“ vorbeugen. Mit dem Begriff „Exil“ operiert die Autorin immerfort. „Ich war so lange im Exil, bis Ceaușescu gestürzt ist. Das war 89. Ich war von 87 bis 89 im Exil und seither bin ich nicht im Exil. Ich bleibe hier, weil ich hier sein will, weil ich nicht nach Rumänien zurück möchte.“

Sie kann doch hier bleiben. Und sie kann hier immer wieder mit ihrem Thema „Exil“ aufwarten: „Es gibt zwar Gedenktafeln für einzelne Künstler, aber keinen großen Ort der Erinnerung an das Exil“. Das wissen wir (spätestens) seit den Berliner Festwochen von 1977 aus den persönlichen Begegnungen mit den vertriebenen „Zeitzeugen“. Da brauchen wir keine Nachhilfe, und schon gar nicht von einer „Initiativgruppe, die sich um Herta Müller eingefunden hat und mit dem Exilmuseum in die Räume des Käthe-Kollwitz-Museums an der Fasanenstraße in Charlottenburg einziehen möchte“. (Morgenpost, 17.03.2017).

Aktion Weg mit dem Käthe-Kollwitz-Museum

Das Käthe-Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße Nr. 24 gehört wie das benachbarte Literaturhaus Nr. 23 und die Villa Grisebach Nr. 25 zu jenen Ende des 19. Jahrhundert errichteten Stadtvillen, die unter dem Namen „Wintergartenensemble“ bekannt wurden. Das Museum wurde am 31. Mai 1986 eröffnet. Es besteht seit 30 Jahren. Ermöglicht wurde es durch den Maler, Sammler und Galeristen Hans Pels-Leusden. Er stiftete dafür 95 Druckgrafiken, 40 Zeichnungen und 10 Originalplakate von Käthe Kollwitz. Einiges ist dazugekommen: das Gedenkblatt für Karl Liebknecht (1920), der Holzschnitt-Zyklus „Krieg“ (1922), die Lithografie „Brot!“ (1924), Selbstbildnisse.

Allein der Gedanke, die Erinnerungsstätte für die wahrhaft große Käthe Kollwitz durch ein „Museum des Exils“ zu verdrängen, ist arrogant und unredlich. Dass sich daran eine Literaturnobelpreisträgerin beteiligt, dass sich die ansonsten doch so geschwätzige Herta Müller nicht zu einem vehementen Statement gegen diese Verdrängung entschließen kann, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Charakter dieser Frau.

 

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