Der Hof Bondegård von Hans Henny Jahnn auf Bornholm. Foto Peter Hahn

 

Ich bin nahe bei den Dingen

Jahnn, Nexö und ihre Insel Bornholm

Frankfurter Allgemeine, 10. Oktober 2002

 

War er Spion oder Flüchtling? Seit dem Frühjahr tuschelten die Bornholmer über den Deutschen, der im April 1934 den 39 Hektar großen Bondegård gekauft hatte. Lillian Hjorth-Westh, der dieser Hof bei Rutsker heute gehört, hat für die damaligen Spekulationen Verständnis. Kaum hatten die Nazis die Macht ergriffen, da durchstreifte einer die Insel, suchte in den entlegensten Winkeln nach einem Haus und erwarb schließlich ein Anwesen, nicht für sich selbst, sondern als Bevollmächtigter für einen fünfjährigen Knaben.

Hanns Henny Jahnn war weder Agent noch Emigrant. "Ich bin ein Außenseiter. Die prächtigen Stätten der Zivilisation waren für mich zu kostspielig geworden". Sein erster Roman „Perrudja“, 1929 von Klaus Mann gefeiert, von Walter Benjamin als „Heimatkunst der analen Zone“ verunglimpft, brachte ihm weder den literarischen Durchbruch noch die finanzielle Unabhängigkeit. Als 1931 auch noch sein langjähriger Gefährte und Geliebter Gottlieb Harms stirbt, zieht er sich mit dem Rest "seiner Familie" nach Bornholm zurück: "Ich weiß nicht, welche Sehnsucht es ist. Vielleicht die, hier ungestört verharren zu dürfen."

Ungestört verharren kann man auf Bornholm heute wohl auch in der Hochsaison, in den Dünen von Dueodde sowieso, und in den Klippen zwischen Svaneke und Sandvig hängt es vom Seegang ab. Am Abend sieht man die Leuchttürme der schwedischen Küste blinken, bei günstiger Witterung sogar die Kreidefelsen von Rügen. Mit 37 Kilometern nach Schweden und 88 nach Deutschland sind die Nachbarn näher als das 135 Kilometer entfernte Mutterland.

Weil die Verbindung nach Dänemark mühsam ist, haben die Bornholmer dafür gesorgt, daß wenigstens ihr Eiland mit einem unglaublich dichten (unnötigen) Straßennetz und obendrein mit 235 Kilometer meist parallel geführten asphaltierten Radwegen überzogen wurde. Zweifellos hat das den Vorteil, daß man schnell rumkommt, und daß es offensichtlich unwesentlich sein soll, ob man nun durch einen Buchenwald oder durch die Moränenlandschaft von Hasle nach Allinge fährt.

In dieser Gegend, nicht weit von jenem Hügel, auf dem die Kirche von Rutsker Ausschau nach ihren Schäflein hält, hat sogar der Feldweg einen Namen: Knarregårdsvej. Felder, Wälder und Wiesen, in der Senke Bach und See, am Ende der Hof Bondegård. Die bornholmischen Höfe haben tatsächlich etwas burgenartiges. Vier Gebäudeflügel umschließen den Wirtschaftshof. Da die Bornholmer nicht nach rechts und links, sondern die Lage nach den Himmelsrichtungen bezeichnen, sei festgehalten, daß das Wohnhaus nach Westen, der Stall nach Norden, die Scheune nach Osten und der Rest nach Süden liegen ...

 

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