In den Marmorbrüchen von Carrara. Foto Peter Hahn

 

Alles Überflüssige einfach weghauen

In den Marmorbrüchen von Carrara

Frankfurter Allgemeine, 22. Februar 1996

 

Es war eine Zeit des Umbruchs. Der "Heilige Sebastian" mußte aus der Kirche San Marco in Florenz entfernt werden, weil Frauen beim Anblick des Bildes "wegen des wohlgestalteten Realismus" gesündigt hatten. Dem Verleger der "Metamorphosen" wurde auferlegt, die Illustrationen von "nackten Frauen, phallischen Gottheiten und anderen unsauberen Dingen" zu entfernen. Geklagt wurde auch darüber, daß Ovids Liebesgedichte Jünglinge und Jungfrauen verderben könnte, da die volksnahe Übersetzung "reale anstelle von vergeistigt allegorischen Liebesverhältnissen" wiedergibt.

Seit diesen Tagen lag der "Bianco statuario" in der Dombauhütte zu Florenz. Seine Ausmaße waren ungewöhnlich. Zu den vier bis fünf Metern Länge wollte die geringe Dicke so recht nicht passen. Hatte sich daran nicht schon einmal ein Steinmetz versucht und den Block verhauen? Jedenfalls bekam im Jahre 1501 ein sechsundzwanzigjähriger Bildhauer den Auftrag, für das Traufgesims der Chortribünen im Dom eine Statue zu meißeln. Was würde aus der schwierigen Rohform entstehen? Nach drei Jahren war ein "klassisches" Werk vollendet: Michelangelos "David".

Warum aber hat sich die dreiunddreißigköpfige Kommission aus Malern, Gemmenschneidern, Goldschmieden, Juwelieren, Stickern, Uhrmachern, Bildhauern, Architekten, Schreinern und Tischlern 1504 dafür entschieden, die riesenhafte Skulptur nicht im Dom Santa Maria del Fiore, wie ursprünglich geplant, sondern draußen auf der Piazza Signoria aufzustellen? War es die zeitlose Schönheit des Steins, die weder von den Menschen noch von der Zeit jemals in Frage gestellt wurde? War es das faszinierende Kunstwerk, bei dem die Schwere des Materials gänzlich in den Hintergrund trat? Oder war es die Geschichte von David und Goliath, mit denen die Florentiner "Davids" ihren Triumph über die Herrschaft der "Goliaths" öffentlich bekunden wollten?

Obwohl man Michelangelos Riesen aus weißem Marmor immerhin bis 1545 "unter ein paar Goldblättern verhüllte", da einige Jahre zuvor ein Priester "sein Geschlechtsteil vor vielen Frauen in der Gemeinde" enthüllt hatte und damit ganz offensichtlich die Zivilisation in Gefahr war, mag für die Platzwahl wohl vor allem die enorme Popularität der Figur entscheidend gewesen sein, die schon früh zum Symbol der neuen bedrohten Florentiner Republik erkoren wurde. Dabei sollte es auch 1887 bleiben, als man den "David" aus Gründen der Konservierung in die Accademia überführen mußte. Draußen auf dem Platz steht bis zum heutigen Tag eine Kopie.

Wo und wann auch immer es auf der Welt um das sogenannte Edle geht, die Verehrung der Großen, der Appell an das Errungene, die Erinnerung an die Toten, den Kult an den Göttern, die Demonstration der Macht, die Repräsentation oder ganz einfach auch nur um die Freude an der Schönheit, greift der Mensch auf ein grandioses und zeitloses Material zurück: Marmor.

Weil vor Christo schon nicht genug Marmor aus näherliegenden Beständen herangeschafft werden konnte, erschlossen sich die Römer neue Abbauorte. Fündig wurden sie in der Nähe von Carrara. Nach zähen Kriegen im Grenzland zwischen Etruskern und Ligurer gründeten sie schließlich 177 v. Chr. in Luna eine Kolonie. Hier, dem späteren Luni, wo mit den Ruinen des Amphitheaters das 1. Jahrhundert nach Christo eindrucksvoll dokumentiert ist, fanden sie alles beisammen, vor allem den Hafen, von dem man den weißen Stein, den "Lunensischen Marmor" bequem in die Heimat schaffen konnte.

Wer die schönen Monate des Jahres an der italienischen Versilia-Küste zwischen Forte del Marmi und dem Lido de Viareggio verbringt, sich obendrein noch eines der feinen alten Badehotels aus der hohen Zeit des Reisens gesichert hat und nach dem Baden im Meer die großzügigen marmornen Bäder im Hotel genießt, kommt kaum auf die Idee, dem Land dahinter einen Besuch abzustatten. Dabei gibt der Blick auf die nahen Berge so manches Rätsel auf. Bei 40 Grad im Schatten hat man so seine Zweifel, ob die Sonne auf den hellweißschimmerenden Berggipfeln tatsächlich Schneereste hinterlassen hat.

Das Land dahinter, das sind die vom Lido aus sichtbaren Gipfel der "Alpi Apuane", das ist das nahe Hügelland, in dem sich entlang der mittelalterlichen "Frankenstraße" neben bekannten Orten wie Carrara und Massa vor allem auch "unentdeckte" und von den Kunstreiseführern vergessene Ortschaften wie Seravezza, Camaiore und Pietrasanta verstecken ...

 

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