Villa Palmieri in Fiesole. Foto Peter Hahn

 

Nicht alles von mir wird sterben

Die Villen und Gärten am Hang von Fiesole

Boccaccio und Böcklin

Frankfurter Allgemeine, 6. Juni 2002

 

Florenz hat schöne Frauen, behauptet Franz von Suppé in seiner komischen Oper "Boccaccio". Diese mag der Meister womöglich noch zur Uraufführung 1879 gesichtet haben, wer sich aber heute zwischen Ponte Vecchio und Uffizien auf die Suche nach einer geeigneten Gefährtin macht, wird allerlei Welt, nur nicht Florentinerinnen treffen. Die Carabinieri zählten 2001 zwischen Ostern und Herbst 15.130 Reisebusse, denen 756.500 Insassen entstiegen, der Aeroporto registrierte 1.479.250 Passagiere, die Comune di Firenze legt sich nur noch auf Schätzungen fest und die Stazione Centrale hat das Zählen längst aufgegeben, weil sie bei Hunderttausenden zwischen Pendlern und Besuchern nicht mehr unterscheiden kann.

"Was tun wir hier? Was erwarten wir?" Die Maßlosigkeit macht sieben jungen Florentinerinnen Angst. Sie halten es für das Beste, die Stadt zu verlassen. Draußen auf dem Land "ist die Luft frischer, weil es nicht so viele Häuser und Menschen gibt. Man sieht die Hügel und Ebenen grünen, den freien Himmel. Dort würden wir alle Lust, Freude und Vergnügungen genießen können". Da sie aber ahnten, wie es um alleinreisende Damen bestellt sein könnte, suchten sie willige Begleiter. Es wäre allerdings "nicht rätlich, Fremde dazu zu nehmen, weil Beschwerden und Ärgernisse daraus entstehen" könnten.

Es kam, wie es für die Geschichte kommen mußte: Drei anmutige Florentiner fanden sich an der Piazza S. Maria Novella ein und machten sich mit auf den Weg. Zwei Meilen von der Stadt erreichten sie die Hügel von San Domenico und Fiesole, die "nach allen Seiten von den Landstraßen ziemlich weit entfernt waren. Sie gelangten zu einem Palast, der auf einer kleinen Anhöhe gelegen war. Als sie eingetreten waren, die großen Säle und geschmückten Zimmer beschaut hatten, priesen sie den Eigentümer desselben glücklich. Als sie hinunterstiegen und den geräumigen Hof, die mit den besten Weinen angefüllten Keller, das frische Wasser, das in Fülle aus dem Boden sprudelte, sahen, lobten sie alles aufs höchste. Nach einer kleinen Ruhe verlangend, begaben sie sich auf eine Altane, welche den ganzen Hof beherrschte, und die ganz mit Blumen und mit grünen Blättern und Zweigen ausgeschmückt war".

Im Frühling des Jahres 2002 war für uns weder die Via Giovanni Boccaccio mit Blumen bestreut noch das schmiedeeiserne Tor der Nr. 124 mit Zweigen geschmückt. Offensichtlich hatte der Wolkenbruch kurz vorher die Dekoration hinweggespült. Punkt 12 Uhr, so war es nach dem anfänglichen No, dem hoffnungsvollen Eventuale und dem erlösenden Sissignore verabredet, klingelten wir an jener Villa rustica, die auf der Karte als "Villino Boccaccio" eingezeichnet ist. Aus dem Fenster nahm uns eine afrikanische Hausangestellte in Augenschein. Ihr Gutachten, das sie zugleich telefonisch weitergab, muß positiv ausgefallen sein, denn wenig später öffnete sich das Tor automatisch und gab den Blick in eine so typische, so überaus festliche Allee von Zypressen frei, die in der Toscana immer zu einer Villa führt ...

 

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