Muzot. Das Haus von Rainer Maria Rilke. Foto Peter Hahn

 

Der Turm des Dichters und das Alm-Manhattan

Oben und unten zwischen Sierre und Crans-Montana

Frankfurter Allgemeine, 18. April 1991

 

Madonna ist nicht gekommen, und Eros Ramazotti war wegen „un nuovo amore“ verhindert. Tina Turner wollte nicht fliegen, und George Michael kommt vielleicht nächstes Jahr. Josef Winkler ist wieder nach Rom zu Pasolini gefahren, und Rainer Maria Rilke, ach der, der liegt schon seit 1926 an der Friedhofsmauer von Raron. So ist man in der Saison unter sich geblieben und machte sich einen Schlitz ins Kleid. Inzwischen ist auch das vorbei. Die tiefschwarzen Cabrios im strahlendweißen Schnee am Place du Rawil sind weg und mit ihnen die bunten Damen und jungen Herren und obendrein die Schönen der Nacht.

Zurückgeblieben sind die, die immer zurückbleiben, die Kranken in den Luftkuranstalten, einige ausländische Bedienstete auf Zeit und natürlich die Einheimischen. Hier und dort wird gebuddelt, vor allem aber geflickt, was auch symbolisch wirkt. Von den 40.000 Gästen ging es wieder auf die normalen 5000 Einwohner zurück.

Ruhe ist eingekehrt. Die Sonne scheint. Und die Vögel sind auch schon da. Der Schnee auf der Gletscherplatte von Plaine Morte ist immer noch „suuuper“, wie man das in Insiderkreisen so nennt. Gegenüber geben die Walliser Alpen mit dem Weißhorn eine wunderbare Kulisse ab.

Während es unten im Tal der Rhône auf den Sommer zugeht, bemüht sich der liebe Gott hier oben, den Frühling einfach zu überspringen. Während oben Gäste Raritäten sind, hat unten „eine Zeit der Besuche auf Muzot (eingesetzt), ein Kommen, Bleiben und Gehen“. Während oben Gastfreundschaft immer gemütlicher wird und der Gast familiär zwischen Müsli und Brötchen bestaubsaugt und bewedelt wird, sind unten die Cafés mit ihrer Kundschaft bereits auf den Boulevard gezogen. Zwischen unten und oben, zwischen Sierre und Crans-Montana, zwischen Kunst und Künstlichkeit, liegen eintausend Meter Höhenunterschied und verschiedene Weiten.

Wer unten im Tal nach Schildern und der Auffahrt Ausschau hält, ist leicht irritiert. Da steht Crans-sur-Sierre und Montana-Vermala, und man ahnt, daß die Schöpfung Crans-Montana eine künstliche ist. Oben angekommen, weiß man alles: Crans und Montana waren und sind zwei Gemeinden, die unter anderem durch eine Straße mit dem sinnigen Namen Route Touristique de Crans verbunden sind. Ihr gemeinsames Tourismusprodukt „Crans-Montana“ ist eine Mischung von Sport und Entertainment, von Glimmer und Glamour, von Geld und Gier.

Während es normalerweise nur einen Weg nach oben gibt, führen hier vom Rhônetal aus gleich mehrere Wege nach oben. Wenn man aber Rilke im Kopf hat, beim Anblick von Crans-Montana zur eigenen Sicherheit auch im Kopf haben muß, und das Valais „in dem unbeschreiblichen Licht“, dann wählt man den Weg von Sierre über Villa, Muraz, Venthône, Mollens und Bluche. Ab und an wagt man einen Blick auf "die Hintergründe, ob es gleich doch schwere Schweizer Berge sind, machen (sie) sich nie massiv, alles ist vor sie gestellt wie die Melodie eines Gobelins".

Sierre oder Siders, wie die deutschsprachigen Walliser das liebliche Siders schon zu einer Zeit nannten, als PR hier noch ein Fremdwort war, ist ein altes Städtchen auf 538 Metern mit Burg- und Klosterruinen an der Mündung des Val d'Anniviers. In einem Brief vom 25. Juli 1921 an Marie Fürstin von Thurn und Taxis schreibt Rainer Maria Rilke, „einen wie eigentümlichen Zauber diese Orte auf mich ausüben. Der Umstand, daß in der hiesigen landschaftlichen Erscheinung Spanien und die Provence so seltsam ineinanderwirken, hat mich schon damals gradezu ergriffen.“ Das Tal der Rhône „ist hier so breit und so großartig mit kleinen Anhöhen ausgefüllt im Rahmen der großen Randgebirge, daß dem Blick ein Spiel der reizvollsten Veränderungen, gewissermaßen ein Schachspiel mit Hügeln, fortwährend bereitet ist“.

Das Rhônetal ist lang. Von der Gletscherwelle bei Oberwald bis zum Genfer See bilden die Flußterrassen immer wieder neue Landschaftsformen: das breite Tal im Obergoms, die engen Schluchten bei Fiesch, die lichten Talverzweigungen zum Simplon, Lötschberg und nach Zermatt bei Brig und Visp. In Siders beginnt der Süden. Die Stadt ist quirlig und geschäftig, und kaum einer in den Straßencafés stört sich daran, daß die Autobahn draußen am Rande der Stadt noch immer nicht fertig ist und die endlosen Autoschlangen die schmalen Straßen verstopfen und verpesten. Seit Jahrhunderten gedeiht hier einträchtig ein Stadt- und Landleben, hier läßt man leben, auch ein wenig in den Tag hinein, die Eidgenossenschaft wird es schon richten.

Sehr viel ruhiger wird es oberhalb des Zentrums auf dem Weg durch die sonnigen Weinberghänge der „Noble Contrée“, der Edlen Gegend, nach Villa. Hier sind die Tradition und der Wein zu Hause. Im Zentrum des alten Dorfes mit seinen eng aneinandergeschmiegten Winzerhäusern steht das „Château de Villa“, ein Bau aus dem 16. Jahrhundert, dessen Treppenturm mit den Kielbogenfenstern und Loggienflügel hundert Jahre jünger sind. Dieses weiße Herrenhaus, eingebettet in Gemäuer und Garten, in dem man auch in dieser frühen Jahreszeit ungefährdet sitzen kann, präsentiert neben alter und neuer Kunst in seinen behaglichen Räumen im Erdgeschoß die erlesensten Walliser Weine: Johannisberg, Arvine, Amigne, Ermitage, Pinot, Malvoisie und den allseits bekannten weißen Fendent.

Auf der Straße von Villa über Muraz nach Veyras in Richtung Crans-Montana, und das ist alles viel leichter niedergeschrieben als seinerzeit gefunden, zweigt kurz hinter dem Ort mitten in einer Kurve rechts ein schmaler Weg ab. Da liegt er, der Turm von Muzot, „mein Asyl des jetzigen Winters. Das typische Manoir des Wallis; mehr Haus als Schlößchen oder mehr Turm als Haus“: der kleine Weinberg davor, die Rosenstöcke im hinteren Garten, der efeuumrankte Anbau, die Votivkapelle links auf einer kleinen Anhöhe, nichts scheint sich seit Rilkes Beschreibungen aus den zwanziger Jahren verändert zu haben ..

 

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