Coimbra, Universität. Foto Peter Hahn

 

In Coimbra wird nicht nur studiert ...

Sondern auch gedichtet - vor allem über die Liebe

Frankfurter Allgemeine, 22. August 1996

 

Als die Sängerin Manuela Bravo unlängst eine CD mit Fados de Coimbra einspielen wollte, zogen 300 Fadosänger des Studentenverbandes aufgeregt durch die Stadt. Weil die Frau auch den Segen des Vizerektors bekommen hatte, legten dem die angehenden Akademiker einen abgeschnittenen Eselskopf vor seine Haustür. Lautstark trommelten sie dem Mann ein, daß der Fado de Coimbra eine Domäne der studentischen Männer ist.

In Coimbra ist alles Männersache! Obwohl hoch auf dem Hügel der alten Universitätsstadt heute über 8.000 Frauen studieren und damit die Hälfte der Studierenden stellen, hat sich in den Köpfen die schöne Mär gehalten, daß aus dieser Universität auch alle bedeutenden Männer Portugals hervorgegangen sind. Bedeutend vielleicht, auch die Herren Antonio de Oliveira Salazar und Marcelo Caetano, ob ihr Wirken aber für Portugal sinnvoll war, steht auf anderen Blättern. Während der bekannte Diktator Nationalökonomie lehrte, bevor er vierzig Jahre lang Land und Leuten den rechten Weg diktierte, profilierte sich Nachfolger Caetano als liberaler Rechtswissenschaftler, um ab 1968 als Staatschef konsequent für den Erhalt der Kolonien zu plädieren und das Land in unsägliche Kolonialkriege zu stürzen.

Coimbra lebt in diesen Traditionen und immer wieder auch mit den "Capas Pretas". Was 1974 mit dem Ende der achtundvierzigjährigen Diktatur plötzlich nicht mehr zeitgemäß war, ist nicht wirklich verschwunden, sondern vorübergehend nur eingemottet gewesen. Längst kann man die "Capas Pretas", so nennen die Einheimischen die Studierenden wie auch ihre Tracht, wieder von der Stange oder auch maßgeschneidert in jedem dritten Laden erstehen. Ob sie nun gerade mit dem Studium begonnen haben oder als ältere Semester die selbstverfaßten freien Vierzeiler singen, Schwarz hat wieder Konjunktur. Mit einem nicht zu übersehenden Selbstbewußtsein tragen sie den schwarzen Gehrock und darüber einen, ebenfalls schwarzen, pelerinenartigen Mantel, dessen eine Seite sie, wie die italienischen Carabinieri, elegant um den Hals schlagen und über die rechte Schulter zurückwerfen.

Wenn die drei fadosingenden Studenten am "Seufzerhügel", an der "Liebesquelle" oder in der "Quinta das Lágrimas", dem "Tränenhaus ", ihre schwülen Liebeslieder zelebrieren, versinken die Damen im besungenen Weltschmerz, halten Journalisten verzückt ihre Mikrophone hin und bringen sich Fotografen auf dem Fußboden in Stellung. Was es da zum Versinken, Verzücken und Fotografieren gibt, ist nur damit zu begründen, daß jeder seine eigene Sicht auf das haben muß, was da von männerbündlerischen Sängern zwischen Liebe und Tränen und Klage und Kitsch vorgegeben wird. Was sie studieren, erfährt man über farbige Bänder, die sie an die Brust geheftet haben: Der Fadosänger, der hier immer wieder nur vom Schicksal singt, trägt rot und gibt sich damit als Jurist zu erkennen, die zwölfseitige Gitarre wird von einem gelben Mediziner bearbeitet und die klassische Gitarre von einem dunkelblauen Philosophen. Das klassische Fado-Ensemble ist damit komplett, ergänzend sei aber hinzugefügt, daß sich Naturwissenschaftler mit Hellblau und Apotheker mit Violett schmücken ...

 

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