Fassade in Riga. Foto Peter Hahn

 

Riga: Sachlichkeit in Schönheit verwandeln

Frankfurter Allgemeine, 22. Mai 2003

 

Das Hotel Daugava in Riga will es mir leicht machen. Vor meinem Fenster im siebten Stock breitet sich von Nord nach Süd das Panorama der achthundertjährigen Stadt aus: der Hafen, an dem eine Katamaranfähre aus Stockholm liegt, das Schloß, in dem die Präsidentin Lettlands residiert, St. Jacobi mit seiner "Balkonglocke", Dom, Petrikirche, Zeppelinhallen, Fernsehturm.

Das Hotel liegt am Ufer der Daugava. Von der Quelle bis hierher hat die Düna, wie der Fluss seit je von den Baltendeutschen genannt wird, eintausend Kilometer nebst Russland und Weißrussland hinter sich gebracht hat. Breit gebettet und zögerlich zieht sie vorüber. In der Altstadt, am Rathausmarkt, steht seit 1999 wieder eine alte Attraktion von Riga: 150 000 Besucher zählt das Schwarzhäupterhaus im Jahr. Der Satteldachbau ist ein zweistöckiges gotisches Gebäude nebst Speichergeschossen aus rotem Ziegelstein. Der Giebel ist mit Skulpturen geschmückt, Neptun für den Hafen, Merkur für die Kaufleute. Staunend steht man vor dieser perfekten Handwerkerarbeit, nicht ahnend, daß dieses Haus eine vollständige Rekonstruktion ist.

Seine Geschichte ist kein Ruhmesblatt unserer eigenen Geschichte. Während die übrige Stadt fast unzerstört bleibt, sind ausgerechnet Schwarzhäupterhaus, Rathaus und Petrikirche seit dem 29. Juni 1941 nur noch Ruinen. Das Schwarzhäupterhaus hat seinen Namen der Tatsache zu verdanken, daß es seit 1477 Sitz und Herberge der Compagnie der Schwarzen Häupter war, einer Verbindung junger und unverheirateter Kaufmänner. Ihr Schutzpatron wie der der Krieger ist der heilige Mauritius. Und die schwarze Sturmhaube der Krieger hat dem Haus den Namen gegeben. Nachzutragen ist, daß die deutschstämmigen Schwarzhäupter 1939 "heim ins Reich" mussten und seither in Bremen residieren.

Um Krieg und Kleinkrieg geht es auch nebenan. Im ehemaligen "Museum der Lettischen Roten Schützen" ist seit 1993 das Okkupationsmuseum (Latvijas Okupacijas muzejs) untergebracht. Zugegeben, der kantige Quaderriegel aus den Siebzigern ist ein harter Brocken in diesem rekonstruierten pseudohistorischen Rathausmarktensemble, aber er gehört neben Mittelalter und Jugendstil nun einmal auch zu "Kulturas Piemineklis", ob mit oder ohne das blau-weiße Etikett vom Denkmalschutz. Der Germanistikstudent und Museumsführer Andris Justs beklagt den Zustand des Dokumentationszentrums: "Im Sommer eine Bratpfanne, im Winter ein Kühlschrank. Obwohl achtzig Prozent unserer Mittel von Exilletten gespendet werden, will die Stadt Riga das Haus weghaben."

Wer Land und Leute verstehen will, darf sich in Riga nicht nur am üppigen Jugendstil erfreuen. Beim Flanieren kommen dem Spaziergänger die tollsten Ideen. Was wäre, wenn der Osten keinen Westen gehabt hätte. Das schönere Deutschland hätte es vielleicht gegeben, das ehrlichere allemal, wiedererstanden aus der Geschichte, nicht aus bodenlosen Milliarden. Während achthundert Kilometer westlich manche Chance durch das Versprechen auf blühende Landschaften vertan wurde, setzen zweieinhalb Millionen Letten auf Lettland, auf Tapferkeit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Klugheit, auf die eigene Kraft ...

 

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