Mumm

Diplomat, Photograph & anders als die Anderen

 

Alfons Mumm von Schwarzenstein war anders als die Anderen. Für den Historiker Veit Valentin „gehörte er zu den Diplomaten, die am grünen Tisch ihren Mann stellen, noch mehr aber vom weißen Tisch halten, an dem man das Wichtigste hören und erreichen kann“. Nur Eingeweihte wissen allerdings von seiner Leidenschaft zur Photographie und seiner Neigung zu jungen Männern.

Alfons Mumm von Schwarzenstein war das dritte Kind der Eheleute Jakob Georg Hermann und Sophie Eugenie geborene Lutterroth. Der erstgeborene Sohn Peter Arnold Gottlieb Hermann übernahm die väterliche Champagnerkellerei in Reims. Schwester Marianne Charlotte fand ihr Glück in der Ehe mit Sigmund von Rotenhan auf Eyrichshof. Für den Jüngsten musste eine Zukunft her. Die Eckpunkte für seinen Wertekanon hatten Familie und Hauslehrer gesetzt: Bildung, Pflichtgefühl, Selbständigkeit, Treue, Ehrgeiz und Hingabe.

Da seine „Gesundheit in frühen Jahren nicht besonders kräftig“, weshalb er „bedauerlicherweise verhindert war“, seiner Militärpflicht nachzukommen, exerzierte Mumm erst einmal Juristerei. Bald wurde klar, dass für den konzilianten Champagnerspross die Welt die eigentliche Profession war. Mit 23 Jahren hatte er bereits Frankreich, England, Dänemark, Italien, Kanada und die Vereinigten Staaten bereist, ein reges gesellschaftliches Leben gepflegt und eine Anzahl von Freunden um sich versammelt. Die Dividende aus dem Unternehmen „Champagne Mumm“ ermöglichte ihm eine Gastfreundschaft großen Stils. Sie machte ihn unabhängig.

Dr. jur. Alfons Mumm von Schwarzenstein wurde Diplomat. Für das Auswärtige Amt besaß er jene Eigenschaften, die einen guten Diplomaten ausmachen. Er war klug, zurückhaltend, gewissenhaft, taktvoll und schrieb eine gewandte Feder. Er war Beobachter, Berater und Berichterstatter, der alles von Menschen wissen wollte, dann aber auch wusste, woran er war. Er war, wie Veit Valentin konstatierte, „ein feiner Kopf, dessen behutsamer Ratschlag hätte besser beachtet werden sollen, eine Mischung von kaufmännischer Geschäftsgewandtheit und liebenswürdigem Patriziertum“.

Niemals hätte er – wie beispielsweise die Diplomatengattin Elisabeth von Heyking – auf irgendeinem diplomatischen Posten die Frage gestellt, wozu er eigentlich hierher geschickt worden sei. Für Otto Hammann, den Pressechef des Amtes, „besaß er vor allem etwas, dessen Fehlen in meiner Tätigkeit ich immer als drückenden Mangel empfunden hatte: gründliche Auslandskenntnisse“.

In der Tat war Mumm ein aufmerksamer Zeitgenosse, nüchtern, unsentimental und von realistischer Weitsicht: Auf der Fahrt mit dem „Transsibérien“ von Moskau nach Peking beobachtete er im Mai 1903 vom Zugabteil aus einen Bauern, der „auf dem Weideland das verdorrte Gras zu Asche verbrannte, damit es der neu aufsprießenden Heideflora Nahrung und Raum gebe. Er ahnt aber wohl kaum, welche Schätze er damit seinen Nachkommen und seinem Lande raubt. Das Klima wird in Zukunft immer unwirtlicher werden durch die systematische Ausrottung aller Bäume“.

Für einen Diplomaten, der im Ausland die Interessen seines Landes zu vertreten hatte, damit auch für die Politik seines Heimatlandes verantwortlich gemacht wurde, nahm er mitunter erstaunlich distanzierte Positionen ein. Geschadet hat es ihm nicht. Schon beim Amtsantritt als Gesandter in China war Mumm der Auffassung, dass „die Versuche, den kranken Mann des fernen Ostens durch äußere Mittel zu kurieren, fehlgeschlagen sind“. Er teilte die Ansicht seines Legationssekretärs Gustav von Bohlen und Halbach, dem späteren Krupp-Chef, dass „die Ideen, die man in Europa über das jetzige hiesige Leben verbreitet, im großen und ganzen völlig falsch sind“. Für das Boxerprotokoll von 1901, an dem Mumm als Verhandlungsführer die Wünsche des Kaiserreichs durchzusetzen hatte, zog er (allerdings erst) im Nachhinein das Résumé: „Man hat das Falsche verlangt und erhalten.“

Als er im Jahr 1902 den Privatdruck „Ein Tagebuch in Bildern“ mit über 600 Photographien veröffentlichte, brachte er seine Rolle auf den Punkt: „Reisen erweiterten meine Kenntnis Chinas. Das Album ist dazu bestimmt, meinen Freunden und Verwandten in der fernen Heimat ein möglichst anschauliches Bild meiner hiesigen Umgebung und meines täglichen Lebens zu geben und in mir selbst die Erinnerung an eine Zeit lebendig zu erhalten.“

Die Photographien entstanden zwischen August 1900 und Juli 1902. Er griff in China zur Kamera, wann immer es möglich war, nahm auf, was sich dem Auge bot. Dem Amateurphotographen ging es um das Dokument. Er photographierte, wie andere Tagebuch schreiben. Seine Photos sind Notizen zur Erinnerung. Mumm war kein Künstler im Sinne der Malerei. Die mangelnde Fähigkeit für eine schöpferische Handarbeit ersetzte er durch die Arbeit mit der Kamera. Eine andere Möglichkeit des Festhaltens gab es für ihn nicht. Seine Photographien sind einfach geschaute Bilder, ungefiltert und direkt.

Im digitalen Zeitalter sei der Hinweis gestattet, dass er seine Lichtbilder nicht im Augenblick der Aufnahme, sondern erst in der Dunkelkammer begutachten konnte. Unter diesen Gegebenheiten musste er vorher nach einem bestimmten Motiv suchen, nach dem Ausschnitt, nach dem Licht, auch nach der späteren Wirkung. Beim Betrachten seiner von ungewöhnlicher Präzision und Tiefe erstellten Bilder stellte er mehr als einmal fest, dass ihm ohne die Photos Wichtiges entgangen wäre. Er wollte das Land nicht nur selbst besser verstehen, seine Aufnahmen sollten auch den Deutschen ein realistisches Bild von China vermitteln. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurden die Bildunterschriften in diesem Buch ebenso vom Original übernommen wie die damals im deutschen Kaiserreich übliche Schreibweise der chinesischen Namen.

Mumms Photographien sind in mehrfacher Hinsicht wertvoll. Sie sind photographische Meisterwerke eines letztendlich professionellen Laien, und sie dokumentieren den Bestand der chinesischen Architektur an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Auffallend ist der morbide und dem Zerfall ausgelieferte Zustand der Bauten, der ganz wesentlich mit der Demütigung Chinas im ausgehenden 19. Jahrhundert zu erklären ist. Die von Großbritannien geführten Opiumkriege, die Aufstände von Taiping und Nian, die Niederlage gegen Japan im Japanisch-Chinesischen Krieg, der Boxeraufstand und seine Folgen haben das Land ins Chaos gestürzt. Es ist aber gerade diese „unlackierte“ Substanz, die besonders fasziniert, nah am Original und heute wohl nur noch bruchstückhaft oder eben touristisch aufpoliert zu erleben.

Zu guter Letzt: Mumm mochte Männer. Da Homosexualität im Wilhelminischen Kaiserreich nur heimlich und verborgen gelebt werden konnte, war es schon erstaunlich, wie er sechs Jahrzehnte lang unangefochten und unbeschadet über die Zeit kommen konnte. Er konnte damit leben, dass über ihn vieldeutig gesagt wurde, er sei nicht verheiratet.

Was muss er gedacht haben, als am 28. Mai 1919 in der „Deutschen Republik“ die Uraufführung von Richard Oswalds „Anders als die Anderen“ möglich wurde, dem ersten deutschen Spielfilm zum Thema Homosexualität, eine Erpressungsgeschichte mit tragischem Ausgang.

Am 9. November 1918 war Mumms Welt zusammengebrochen. Veit Valentin konstatierte: „Mumm hat die neue Zeit nur noch als resignierter Zuschauer mitgemacht.“ Vier Wochen später heiratete der männerliebende Mann am 9. Dezember 1918 die gebürtige Schottin Jeannie Watt, die angeblich ihre Freundin mit in die Ehe gebracht haben soll.

Erstaunlich war, dass ein knappes Jahrhundert nach Mumms Tod nur mit Mühe ein Bild dieses Frankfurter Patriziers, preußischen Freiherrn und deutschen Diplomaten nachgezeichnet werden konnte.

Corinna Block geborene Mumm von Schwarzenstein und ihr Ehemann Christoph haben mir den Nachlass aus dem Besitz der Mutter Christa-Mette zur Verfügung gestellt. Mit ihrer engagierten Hilfe konnte sowohl die komplizierte Familiengeschichte als auch die noch verwirrendere Namensliste (hoffentlich) verständlich geschildert werden. Mitzuteilen ist in diesem Zusammenhang, dass Alfons Mumm von Schwarzenstein offizielle und private Korrespondenzen stets mit „AvMumm“ unterzeichnete. Neben Briefen, Gästebüchern und Dokumenten können nun die Photographien des Kaiserbesuches in Portofino von 1914 und die Mummschen Innenaufnahmen aus dem Album „Il Castello San Giorgio“ von 1921 erstmals einem breiteren Publikum vorgestellt werden.

Mit ihrer umfangreichen Materialsammlung hat Angela von Mumm darüber hinaus weitere Einblicke in das gesellschaftliche Leben ihres Großonkels ermöglicht. Michael Goebel überließ mir neben Familienphotos das handschriftliche Tagebuch seines Großvaters und Mummschen Kammerdieners Anton Goebel. Dieses Buch erhält damit einen zusätzlichen Aspekt – Ansichten aus dem Blickwinkel eines Passagiers des Reichspostdampfers der „Zweiten Classe“. Obwohl Mumm darauf hingewiesen hatte, dass „ein kleinerer Teil der Bilder in meinem Auftrage von meinem Kammerdiener“ aufgenommen wurden, konnte nun herausgefunden werden, welche Aufnahmen von Anton Goebel tatsächlich gefertigt wurden.

Margit und Wolfram Barth, im weitesten Sinne Erben des Nachlasses von Käthe Watt, der Gesellschafterin, Pflegerin und Adoptivtochter von Jeannie Freifrau von Mumm, haben dazu beigetragen, die Zeit nach Mumms Tod ins rechte Licht zu rücken – die Geschichte der „Baronessa“, die wegen ihres couragierten Auftretens gegenüber dem Kommandeur der deutschen Wehrmacht im Frühjahr 1945 schließlich mit Zustimmung aller Einwohner 1949 zur Ehrenbürgerin ernannt wurde und noch heute als „Retterin von Portofino“ verehrt wird.

Die „Erinnerungen an Peking“ von Ingolf Bierbach setzen einen weiteren Akzent. Als Sohn des damaligen Botschafters erlebte er in den 1960er Jahren die letzten Tage der von der DDR als Botschaft genutzten ehemaligen Kaiserlich Deutschen Gesandtschaft, bevor ihr Mao Zedongs „Große Proletarische Kulturrevolution“ das Ende bereitete. In seiner Nachbetrachtung gibt Hans-Ulrich Seidt zusammenfassend einen Einblick in das von der Realpolitik Bismarcks geprägte Mummsche Denken. Mit der Erinnerung an seine Neffen, den Diplomaten Herbert und Bernd Mumm von Schwarzenstein, deren Mut vom nationalsozialistischen Regime mit Hinrichtung bzw. mit Entlassung aus Auswärtigem Dienst und KZ bestraft wurde, werden berechtigte und auch selbstverständliche Verbindungslinien von der Familie zum Auswärtigen Dienst gezogen.

Unterstützt haben mich Eckhard Hoffmann, der Förderkreis Weindorf Johannisberg, das Weingut G. H. von Mumm Johannisberg, das Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, das Museum für Angewandte Kunst Frankfurt am Main und das Politische Archiv des Auswärtigen Amts. Hans Dieter Schreeb, der geschätzte Autor des authentisch-fiktiven Romans „Hinter den Mauern von Peking“, ermunterte mich zu diesem Buch, Cornelia Stauch vom Oase Verlag hatte mit mir eine bewundernswerte Geduld und Jürgen Stich stand mir als Partner und Lektor stets hilfreich zur Seite.

 

Peter Hahn, im September 2012

 

Mumm – Diplomat, Photograph & anders als die Anderen

Oase Verlag, 2012

ISBN 978-3-88922-072-1

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