Teltowkanal

80 Stationen & Geschichten

 

Am 2. Juni 2006 haben wir das erste Buch über 62 Stationen am „Teltowkanal“ veröffentlicht. Es basierte auf einer Idee des Historikers Jürgen Stich, der als Redakteur der „Märkischen Allgemeinen“ eine Artikelserie zum einhundertsten Bestehen dieser Wasserstraße initiiert hatte. Diese Sammlung von Texten, Photographien, Dokumenten und Karten enthielt Beiträge von Matthias Anke, Josef Drabek, Oliver Flint, Theodor Fontane, Peter Hahn, Lutz Hannemann, Christian Havestadt, Heinz Helwig, Andreas Kaatz, Armin Klein, Jens Steglich, Jürgen Stich, Thomas Vieweg und Konstanze Wild.

Im Laufe des Jahres 2013 stellte sich die Frage, dass vor sieben Jahren entstandene Buch nachzudrucken oder neu zu erarbeiten. Wir mussten uns für eine ganz neue Publikation entscheiden, weil sich in der Zwischenzeit an diesem 37,83 Kilometer langen Kanal einiges getan hat. Altes ist wieder lebendig geworden, neues ist dazugekommen, und manches, was damals geschrieben und fotografiert worden war, musste auch aktualisiert werden.

Dazu gehören die Restaurierung des Jagdschlosses Glienicke, der Streit über die Uferwege am Griebnitzsee, die Wiedereröffnung von „Söhnels Werft“, die voraussehbare Umwandlung des Wilmersdorfer Waldfriedhofs in Güterfelde zum Hans-Altmann-Park, der Straßenbahnwagen der „Linie 96“ an der einstigen Endhaltestelle Machnower Schleuse, die 2008 eröffnete „Schleusnerbude“, der Kleinmachnower Kleinkrieg gegen den Schleusenneubau, das angedachte Wohnviertel rund um die Teltowwerft, der geplante Hafen in Teltow, das neue Domizil des Industrie-Museums, der Lichterfelder Streit über die Wiedereinrichtung der Dresdner Bahn, das 59. Einkaufszentrum Berlins am Hafen Tempelhof, der Weiterbau der A 100 vom Autobahndreieck Neukölln nach Treptow, die blühende Landschaft des Technologieparks in Adlershof.

80 Stationen am „Teltowkanal“ auf 360 Seiten sind es nun geworden. Diese Sammlung von Texten, Bildern und Karten umfasst wiederum einen Zeitraum von mehr als einhundert Jahren, ein Zeitabschnitt, in dem die Gegend mit zwei Weltkriegen, dem Mauerbau und der Wiedervereinigung Deutschlands einige Zäsuren hinnehmen musste.

Die Wasserstraße hat die Region zwischen Potsdam und Berlin seit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 1906 nachhaltig geprägt, an ihr läßt sich deutsche Geschichte in besonderer Weise ablesen. Als „Vorfluter“ der südlichen Berliner Vororte schuf der Kanal die Voraussetzungen für bauliche Verdichtung. An den Ufern siedelten sich Unternehmen an. Ackerbürgerstädtchen und Dörfer wuchsen zu einer dicht bevölkerten Metropolenregion heran.

Während der Teilung Deutschlands markierte der Wasserweg die Grenze. Sie verlief schwer überschaubar zum Teil in der Kanalmitte, andere Abschnitte gehörten zur DDR, zu Ost-Berlin oder Berlin (West). Ketten und Gitter versperrten den Weg. Menschen versuchten, die Wasserbarriere zu überwinden. Einige von ihnen starben im Kugelhagel der Grenzsoldaten. Im Kapitel „Berliner Mauerweg“ wird daran erinnert.

Erinnert wird auch daran, dass der Teltowkanal über drei Jahrzehnte von der DDR für jeglichen Schiffsverkehr gesperrt war. Erst 1981 gelang dem Ständigen Vertreter Günter Gaus die Öffnung. Er bekannte später: „Am schwersten zu verhandeln war die Wiedereröffnung des Teltowkanals. Für West-Berlin ungeheuer wichtig, denn sie verkürzte die Touren der Schleppkähne mit den Massengütern um zwei Tage. Sie war für die Westberliner Wirtschaft das Bedeutendste, was man überhaupt aushandeln konnte, viel wichtiger als die Autobahn nach Hamburg. Schwierig war auch, über die Transitpauschale zu verhandeln. Die DDR ist ein rohstoffarmes Land gewesen. Der wichtigste Rohstoff, den sie hatte, war das Transitrecht. Das hat sie sich teuer abkaufen lassen, wie jeder Rohstoff, wenn er selten ist, teuer bezahlt werden muss. Das wird fast nie bedacht. Für die Ostberliner mussten wir die Autobahn nach Hamburg nicht bauen und den Teltowkanal nicht wieder eröffnen.“ Das ist nur eine von 80 deutsch-deutschen Geschichten.

Die neuerlichen Recherchen führten obendrein zu neuen Erkenntnissen. In den Stationen „Teltowwerft“ und „Zollstation“ wird davon berichtet. Nicht bekannt war bisher die Existenz einer „Teltower Kreiswerke GmbH“ in Berlin. Hinter diesem Unternehmen verbirgt sich die Eigentümergemeinschaft der heutigen Landkreise Potsdam-Mittelmark, Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald - letztendlich Erben der im Jahre 1924 gegründeten Teltowkanal AG. Erstaunlich ist, dass den Landkreisen heute noch immer wertvolle Grundstücke und Immobilien in Berlin, am Teltowkanal und an Stölpchen- und Pohlesee am Griebnitzkanal gehören. Andere Teile des Vermögens kamen zur „Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft mbH“ (BEHALA) und zur Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. So kommt es, dass sich vor der Bebauung des Areals der ehemaligen Teltowwerft gleich mehrere Eigentümer einigen müssen: BEHALA, Landkreise Potsdam-Mittelmark, Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald, Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, Augustinum Kleinmachnow sowie die Länder Berlin und Brandenburg -wenn die Werftbrücke zwischen Zehlendorf und Teltow wieder entstehen sollte.

Die Anordnung der Texte erfolgt nach der Kilometrierung des Teltowkanals. Daher beginnen die voneinander unabhängigen Geschichten an der Glienicker Lake in Potsdam bei Kilometer km 00,00 und enden bei km 37,83 in Köpenick. Man kann, muss sich aber nicht danach richten. Die Reise auf dem Teltowkanal kann überall beginnen.

Der Kartograph Oliver Flint von der Landesvermessung Brandenburg LGB hat aktuelle Kartenausschnitte ausgewählt, in denen die 80 Stationen entsprechend dem Kilometerverlauf markiert wurden. Der Photograph Lutz Hannemann ist am 14. September 2013 noch einmal „in die Luft gegangen“. Seine Aufnahmen auf dem Titel und weiteren Seiten können aktueller nicht sein. Diplom-Ingenieurin Ritva Reuter vom Wasserstraßen-Neubauamt Berlin, seit 15 Jahren mit dem Projekt Schleuse Kleinmachnow vertraut, fertigte eine Planungsskizze für eine Schleusenkammer von 130 Meter Länge an.

Alle Stationen am Teltowkanal sind durchaus vom Land aus zu erfahren. Andere Perspektiven eröffnet jedoch der Blick vom Wasser. Wer das nicht mit dem Boot erleben kann, dem stehen diverse Angebote der Berliner und Potsdamer Personenschifffahrt zur Verfügung. Immerhin sind rund 27 von insgesamt 37,83 Kilometern von diesen Touren erschlossen. Das sogenannte Reststück vom Hafen Britz Ost bis zur Dahme bei Köpenick müsste, mangels eigenem Boot, dann allerdings erwandert werden.

Ein Dankeschön geht an die Außenstelle Neukölln des Wasser- und Schifffahrtsamtes Berlin, an ihren Leiter Jörg Augsten und die Mitarbeiter Siegfried Kunze, Dieter Lestin, Mike Mittelstadt und Bert-Günter Zehle, die uns sieben Jahre nach den ersten Erkundungen den „Teltowkanal“ auf den Fahrten mit dem Aufsichtsboot „Charlottenburg“ noch einmal fachlich und vor allem geduldig erschlossen haben.

Die Auswahl der Stationen ist nicht zufällig. Wir haben uns für Orte entschieden, die beispielhaft für die Entwicklung längs des Wasserwegs stehen. Gegenwart und Zukunft des Teltowkanals werden mitunter kritisch in den Blick genommen. Dem Jahrhundertbauwerk wird das nicht schaden.

 

Peter Hahn und Jürgen Stich, im Januar 2014

 

Teltowkanal – 80 Stationen & Geschichten

Oase Verlag, 2014

ISBN 978-3-88922-101-8

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