Tankred Dorst. Foto Rosemarie Clausen

Tankred Dorst ist tot

 

„Wenn er noch a wenig geward häd … höchstens amol ohm an seim Fenster hast na gseng, wennst vorbei ganga bist. Ausm Haus isser des gansa letzda Jahr nimmer.“

(Aus „Dorothea Merz“, Beerdigungstag).

 

Seine deutsche Trilogie folgt der eigenen Lebensspur. Seine Theaterstücke „Auf dem Chimborazo“ (1975), „Die Villa“ (1980) und „Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie“ (1985), aber auch der fragmentarische Roman „Dorothea Merz“ (1976) erzählen Familiengeschichte. Tankred Dorst war einer der meistgespielten Autoren des deutschen Gegenwartstheaters. Nun ist er am 1. Juni 2017 mit 91 Jahren in Berlin gestorben.

 

 

 

 

 

 

Geboren wurde er am 19. Dezember 1925 im heutigen Sonneberger Ortsteil Oberlind. Großvater Georg hatte dort 1860 eine Fabrik gegründet, die Maschinen zur Fertigung von keramischen Kleinteilen für die damals blühende Welthauptstadt des Spielzeugs fertigte. Als Oberschüler wurde er 1943 zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht einberufen. Das Kriegsende erlebte er in Gefangenenlagern in England und den USA. Als er 1947 entlassen wurde, gehörten Oberlind und Sonneberg zur sowjetischen Besatzungszone. Die Familie war nach Oberbayern geflohen, die Fabrik enteignet worden und nannte sich nun VEB Thuringia Sonneberg.

 

Tankred Dorst holte das Abitur nach und studierte ab 1950 in München Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften. Mit seinen „deutschen“ Stücken und Texten hat er dem nordöstlichen Teil des alten Frankenreiches ein literarisches Denkmal gesetzt. Was er in den siebziger Jahren an realistischen Bildern aus der damaligen deutschen Gegenwart fixierte, ist inzwischen Geschichte. Die ist allerdings mit einer bezwingenden Kenntnis der Menschen und ihres Denkens erzählt.

 

Seine Stücke charakterisieren das Land und seine Bewohner treffend und pointiert, bis hin zu ihrem eigenwilligen Sprachgemisch aus wenig Thüringisch und viel Fränkisch. Dafür habe ich, ein geborener Sonneberger, den Sonneberger Tankred Dorst immer bewundert. Ich werde ihn vermissen.

 

Tankred Dorst ist nicht mehr. Geblieben sind seine Texte und seine Schauplätze. Da ist Sonneberg, was er „Grünitz“ nennt, das ist der „Chimborazo“, mit dem er den fünfhundertfünfzehn Meter hohen Mupperg meint und der schon im Fränkischen liegt, und da ist die elterliche „Villa“ in der Lutherstraße, die wiederum zum Thüringischen gehört.

 

Als Tankred Dorst 1990 mit dem „Georg-Büchner-Preis“ ausgezeichnet wurde, sagte der kongeniale Theaterkritiker Georg Hensel in seiner Laudatio: „In unseren Dezennien hat kein anderer deutscher Stückeschreiber so viele Tonarten, eine solche Orgelbreite: sentimental, treuherzig, tolpatschig, gefühlvoll, humorvoll, ironisch, sarkastisch, zynisch-ordinär, hundsgemein - und immer taghell.“

 

Eine Jugend in Sonneberg

ePaper

Die "Sonneberger Texte" von Tankred Dorst

ePaper
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Hahn Homepage Powered by 1&1